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Jüdischer Volksbote · 1911-09-01 · 18 (9.1911) · p. Seite 311

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1911
Issue
18 (9.1911)
Date
1911-09-01
Page
Seite 311 (sequence 9)
Language
German
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311 bs so wohltuend sich unterscheidet von dem, war man alltäglich in prachtstrotzenden, aber dar Gemüt unberührt lassenden modernen Salons beobachten kann. Und beim Scheiden traten mir unwillkürlich die Wort« des Psalmisten über di« Lippen: .Schau, so wird der gesegnet, der Gott sürchtet. Er segne dich der Ewige von Sion aus, und schaue das Gute Jerusalems all« Tage deines Lebens. Triebe auch Rinder deiner Rinder! Frieden über Israel». IV. Uber wie Sonnenschein und Regen, so wechseln auch angenehme Erlebnisse mit trüben. Ich betrete einen uralten, ehrwürdigen Friedhof, der durch den unbeschreiblichen Reiz seiner Lag« auf dem Plateau eines dicht bewaldeten Berges, durch die tiefe, feierliche Stille, die dort herrscht, durch das Bild unendlichen Friedens, den er gewährt, und durch den sprechenden Gegensatz zwischen diesem Feld« des Todes und der lachenden Tbene mit ihren vielen zwischen Gbstwäldern hervorlugenden Dörfern, auf di« wir hinabblicken, tief auf das Gemüt einwirkt. Uber noch vielsagender ist der Rontrast zwischen den Inschriften der Grabstein« des älteren und des neueren Teiler, wir brauchen nur die etwas höheren, in großer Auswahl vorhandenen Denkmäler zu besuchen, und wir erfahren von Männern, die Leuchten der Thora waren, deren Rat in religiösen fragen aus weiter Ferne «ingeholt wurde, deren Geist Funken sprühte gleich dem Hammer, der aus den Rmboß schlägt. Und was erzählen uns dagegen die neuesten der neuen Steine? Sie sprechen von einem sehr bedauernswerten verfall jüdischen Wissens und von einer beschämenden DberflächlichKeit. Da ist ein Stein, dessen Inschrift infolge der groben Fehler kaum zu entziffern ist, dort sind die 2 mit 2, die j mit -j vertauscht, ein Denkmal nennt gar das Todesjahr \{»-|fi - allerdings in Goldschrift - anstatt Und so verraten die stummen Steine fast mehr von den Lebenden als von den Toten — V. Die Juden auf dem Lande Klagen fast allenthalben über die schlechten Er» werbsverhältnisse. Der Warenhandel leidet unter der starken Ronkurrenz, der viehhandel unter der überhandnehmenden Maul- und Klauenseuche und durch die ihm sehr ungünstige Gesetzgebung, und der Ackerbau ist nur dann rentabel, wenn man ihn selbst besorgt. Leider haben sich aber die Juden von diesem für ihre körperliche Gesundung, für ihr wirtschaftliches Fortkommen und für ihre persönliche Reputation gleich bedeutungsvollen Berufe im Laufe der Zeit immer mehr zurückgezogen, wie verkehrt und wie bedauerlich dies ist, zeigt sich mir auf Schritt und Tritt. Ich besuche einen Viehhändler, der sich seit einigen Jahren einige Acker und wiesen gekauft hat, der also eine rühmliche Ausnahme bildet. Sein« Frau geht selbst aufs Feld, aber.hinten herum», damit man sie nicht sieht (!) Ich sage ihr, daß sie es als eine Ehre betrachten darf, selbst Hand anz u l e g e n. Ihr Sohn versteht auch die Arbeit. Nach Einzelheiten beftagt, schildern fie mir d;e Trträgniffe der Felder. Tin Acker wurde vor 5 Jahren für 700 Mk., auf S jährliche Fristen zahlbar, gekauft. Der Trtrag entsprach in >edem Jahre der Höhe der fälligen Rate, so daß also der Acker, der heut« 900 Mß. wert ist, durch die 5 Ernten bezahlt wurde. Bei manchem Felde war die Rente geringer

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