Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1911
- Issue
- 18 (9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 310 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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310 I. Zunächst besuchte ich N. - ein« Industriestädtcheir in Ter NAH« einer (Brofi» stadt, vorwiegend Krbeiterbevölkerung. Gbwohl mir bekannt war, daß N. keine selbständig« israelitische Gemeinde sei, sucht« ich doch «inen jüdischen Einwohner auf, um mich über dar Leben der hierher »ersprengten wenigen Glaubensgenossen unterrichten zu lassen. Ich war nicht wenig erstaunt, als ich Härte, daß statt der vermuteten Z nicht weniger als 17 jüdische Familien hier wohnten. Meinem Gewährsmann war dies bis vor kurzem selbst noch unbekannt gewesen. Erst aus den ihm von der zuständigen jüdischen Nachbargrmeind« zugesandten Steuerzetteln hatte er die wirklich« Zahl entnommen, von einem jüdischen Zusammengehörigkeitsgefühl keine Spur! Die wenigen religiösen Leute besuchen die Synagoge in S., die Frau meine; Gewährsmannes erzählt« mir, daß st« erst von der Existenz einiger jüdischer Familien erfahren Hab«, als st« bei Trauerfällen zu ihnen gebeten worden sei. II. Nicht besser steht es mit dem jüdischen Leben im Drt« 8., dessen Gemeinde gegen 20 israelitische Familien zählt. Aber es überraschte mich die Tatsache, daß von ihnen nur ein« einzige Handel treibt, während alle übrigen dem Handwerker»' und Arbeiterstande angehören. Mit Ausnahme einiger Metzger find sie in den Betrieben der nahen Fabrikstadt beschäftigt, wo sie es durch Tüchtigkeit,. Zuverlässigkeit und Intelligenz zum großen Teil zu bevorzugten Stellungen gebracht haben, so daß fi« ihre Familien gut ernähren können. Aber kein« einzige Familie hält Sabbat! Und in absehbarer Zeit wird am Samstag und im Winter auch am Freitag abend kein Minjan mehr zum Gottesdienst« vorhanden sein. III. viel anmutendere verhältnifie bestehen dagegen in den Gemeinden mit. meist ackerbautreibender Bevölkerung, von den 21 Familien des lieblichen Städtchens B. konnte mir gesagt werden, daß auch nicht, eine einzige den Sabbat, entweihe. Die 1b Schulkinder erhalten täglich 2 Stunden Religionsunterricht und find in der glücklichen Lage, «in echt jüdisches Familien- und Gemeindeleben auf fich «inwirken lasten zu können. Und nichts Schöneres und Erziehlicheres läßt, sich denken als «in solches Bild jüdischen Rleinlebens! Ich trete in «inen Laden,, in dem «in kleines Gemischtwarengeschäft betrieben wird: Km Ladentisch der Besitzer mit dem Söhnchen auf dem Unie, er lernt mit ihm die Schulaufgaben.; im Zimmer hinter dem Laden die freundliche Frau, deren Tefilloh noch aufgeschlagen, auf dem Nähtisch liegt; an der Dstwand der Misrach; auf einem Schränkchen ein uralter Iahrzeitsleuchter — auf einer zinnernen Säule ein geschloffenes Glasgefäß,. aus dem das Del in eine wagrechte Kinne, dir den Docht enthält, fließt —; am «pheuumrahmten Fenster ein Spinnrad. Db denn hier noch gesponnen werde? Das zwar nicht, nur die Zizith spinne man noch. Der Gast wird zum Sitzen, genötigt und darf nicht gehen, ohne etwas genosten zu haben. Lr wünschte die Rinder zu sehen, und bald stehen fi« „wie Setzling« - der Dliven» rings um den Lisch. Ich mußte mich geradezu gewaltsam losreißen von diesem lieblichen Bilde,.