Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Volksbote · 1911-09-01 · 18 (9.1911) · p. Seite 306

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1911
Issue
18 (9.1911)
Date
1911-09-01
Page
Seite 306 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4903180-5965939-5965971--388-4903543
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

806 Feuerwehr mit allen ihren Löschapparaten ausrückt, um das verheerende Element zu bekämpfen. „Wie?' fragte ganz bestürzt der unerfahrene Kleinstädter aus Polen, „es breunt in der Stadt! Da muß ich meine Sachen packen und das Hotel schleunigst verlassen.' Die andern Hotelgäste suchten ihn abermals zu beruhigen, indem sie zu ihm sprachen: „Wisse, sobald das Feuersignal gegeben ist und die Feuerwehr ausrückt, ist jede Gefahr ausgeschlossen. Schlafe nur ruhig und lasse dich nicht im geringsten störe».' Der Pole begab sich darauf tatsächlich zur Ruhe, und da er mätt und müde von der weiten Fahrt, schlief er auch fest und gut die ganze Nacht durch. Als er glücklich am andern Tage erwachte, war er nun um eine wichtige Erfahrung reicher: bei Ausbruch eines Brandes genügt es vollständig, ein Feuersignal zu geben, worauf man sich zur Ruhe begeben kann, ohne das verheerende Element weiter zu fürchten. Bald sollte ihm auch Gelegenheit geboten werden, seine neue Erfahrung praktisch zu verwerten. Als er nämlich nach kurzer Zeit in sein Heimatstädtchen zurückkehrte, brach dort des Nachts ebenfalls Feuer aus. Im Nu waren alle Einwohner der Stadt auf den Beinen; jeder eilte zur Brandstätte, zu löschen und zu retten, was noch zu retten war. Herzzerreißend war das Jammern und Weinen der hilflosen Kinder; die Männer, die sich am Löschen beteiligten, schrien und lärmten; alles schrie und lärmte durcheinander; man lief und raunte, man eilte und jagte, ohne zu wissen, wohin und wozu. Seiner in Berlin gemachten Erfahrung gedenkend, gebot der reiche Mann Ruhe, und mit lauter, weithin tönender Stimme sprach er zu den bestürzten Einwohnern der Stadt: „Freunde, Mitbürger, höret mein Wort. Ich meine es sehr gut mit euch, weil euer Schicksal mir nahe geht. Darum gebiete ich euch: . Lasset das Feuersigual ertönen, dann suche jeder sei» Lager ruhig auf. Denn wenn das Signal ertönt, dann ist jede Gefahr vorüber.' Die Leute taten wie ihnen befohlen wurde. Schrill und unheimlich tönte das Feuersignal in die Stille der Nacht hinaus; die Einwohner begaben sich zur Ruhe, und die ganze Stadt — sie ward ein Raub der Flammen. Vor der Wut seiner obdachtlos gewordenen Mitbürger sich flüchtend, begab sich der weise Ratgeber, der eine ganze Stadt vernichtet hatte, abermals nach Berlin, wo er jene Herren zu rede stellte, die ihm damals die, wie er glaubte, falsche Auskunft erteilten. Er überhäufte sie mit den bittersten Borwürfen und erzählte ihnen den Hergang des Brandes in seiner Heimatstadt mit den furchtbaren Folgen, die er durch seinen Rat erzielte. „Freund,' sprachen die Berliner zu ihm, „was wir dir damals von dem Signal sagten, beruht auf Wahrheit. Aber wisse: das Signal ertönt nicht etwa deshalb, um den Leuten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.