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Jüdischer Volksbote · 1911-06-01 · 17 (6.1911) · p. Seite 301

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1911
Issue
17 (6.1911)
Date
1911-06-01
Page
Seite 301 (sequence 15)
Language
German
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301 finde. Ich habe Deinen Worten nachgedacht und dem, was Du über das Geschick unseres Volkes gesprochen. O, sage mir, warum muß gerade Israel unter allen Völkern der Erde so viel dulden und leiden?" „Sieh', mein Freund," antwortete das Mädchen, „je höher und größer eines Menschen Ausgabe auf Erden ist, desto mehr hat er zu erdulden, zu kämpfen, zu ertragen. Der dumme und einfältige Mensch, der sich nicht um Dinge kümmert, die. wie er sagt, ihn nichts angehen, lebt meistens ruhig und in Frieden! Der strebsame Mensch, der für das allgemeine Wohl zu sorgen sich bemüht, erwirbt sich dadurch viel Last und Kummer. Dadurch, daß der allmächtige Gott Israel so hoch erhoben, daß er es erwählt hat, aus allen Völkern der Erde, daß er es gemacht hat zu seinem Volke, zum Priester gleichsam der großen Völkrrfamilie, dadurch hat uns Gott mitten hineingestellt in alle Kämpfe, und wo um ein Großes gestritten wird, muß Israel dabei beteiligt sein. Es sind immer nur wenige t Völker, welche sich emporheben aus der Mitte der anderen und ihren Fuß setzen auf den Nacken der Nationen. Die einzelnen Geschlechter wachsen, werden groß, erblühen und verwelken wieder. An jeder dieser Völkerblüten durfte Israel teilnehmen. Freilich mußte es mit in den Kauf nehmen Elend und Kummer aller Art; oftmals wurde es zu Boden geworfen, und auf seinem Rücken pflügten die Pflüger und zogen lang ihre Furchen. Aber Gott hat uns immer wieder emporgehoben und hat uns nicht dem Verderben preisaegeben. Er hat uns niemals gestraft, wie er unsere Peiniger strafte und hat uns niemals getötet, wie er unsere Unterdrücker tötete, und wenn wir auch mehr erdulden müssen als andere Völker, so hat uns Gott auch die Kraft verliehen, die Schmerzen zu ertragen, die Leiden zu überdauern." „Du gleichst einer gottbegeisterten Prophetin, nichts scheint Dir verborgen zu sein. So löse mir denn auch ein Rätsel, welches mich seit einigen Tagen unaufhörlich beschäftigt. Wir müssen doch glauben, daß Gott Alles im voraus weiß. Wie können wir, wenn Gott alle unsere Handlungen schon seit Anbeginn kennt, den freien Entschluß faßen, das Gute zu tun und das Böse zu meiden, wie können wir verantwortlich gemacht werden für unsere Taten, die der Notwendigkeit, aber nicht unserer Freiheit entspringen?" „Und das fragst Du mich, Akiba, mich, ein un-

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