Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1911
- Issue
- 17 (6.1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 300 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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300 'eifrig für das Studium der Gotteslehre zu gewinnen sich bemühte, wär ihrem Herzen nicht gleichgültig geblieben. Zwar «suchte sie sich zu überreden, daß einzig und allein die Liqbe zu ihrem Volke es sei, die sie zu ihrem Vorgehen bestimme; aber wenn sie die Augen schloß, so stand! die hohe, edle Gestalt Akiba's vor ihrem Geiste, so glaubte sie in sein feuriges Auge zu blicken, von seiner hohen Stirn die Gedanken zu lesen, so sah sie ihn wie er einem König gleich den Knechten ihres Vaters Befehle erteilte. Hinter dem Hause Kalba Sabua's befand sich ein -großer Garten, der von einem der vielen Bäche durchströmt wurde, die sich in den See Genezareth ergießen. An einem schönen Sommermorgen wunderte Rahel hinaus ins Freie, um ihrem gepreßten Herzen Erleichterung zu verschaffen. Sie hatte ihre Mutter früh verloren, sie besaß weder Bruder noch Schwester; auch unter den Dienerinnen ihres Vaters war keine, der sie sich enger hätte anschließen können; ihre alte Amme, die sie erzogen hatte, war ein Jahr zuvor gestorben; die Freundinnen ihrer Kindheit waren bei der Zerstörung Jerusalems umgekommen oder von der Römern als Sklavinnen verkauft oder weit ins Land versprengt. So war den Rahel ganz allein auf sich angewiesen; ihren Vater konnte Rahel nicht zum Vertrauten ihres Herzens machen. Kalba Sabua hatte viel Schlimmes erdulden müssen; sein Gemüt war verbittert und den zarten Regungen des Herzens nicht zugänglich. In tiefes Nachdenken versunken, schritt Rahel am Ufer des Baches dahin, immer aufwärts schreitend, dem Ursprünge des Baches entgegen, der vom Gebirge herniederstürzte. Längst hatte sie den Garten am väterlichen Hause verlaffen und wanderte durch zackiges Gestein, durch welches der Bach sich mühsam , hindurchwand. So kauf sie an eine von Olivenbäumen beschattete Wand,! welche die Diener für sie aus Rasen hergerichtet hattjen; dort ließ sie sich nieder und schaute auf das schäumende an den Felsen in weißer Gischt auffpritzende Wasser hinunter. Plötzlich stand Akiba vor ihr. „Verzeihe Herrin," sagte er, „daß ich Deine Einsamkeit störe. Aber Du selbst warst es, die Fragen in mir angeregt hat, nach deren Beantwortung ich vergeblich suche, und so möchte ich Dich denn bitten, mir manches Rätsele zu erklären, deffen Lösung ich nicht