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Jüdischer Volksbote · 1911-06-01 · 17 (6.1911) · p. Seite 299

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1911
Issue
17 (6.1911)
Date
1911-06-01
Page
Seite 299 (sequence 13)
Language
German
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299 AkiSa'). Historische Erzählung von Rabbiner vr. M. Lehmann. - (Fortsetzung.) IV. Trotzdem Akiba sich gegen die Ermahnungen der Tochter seines Herrn ablehnend verhalten hatte, waren doch die begeisterten Reden des jungen Mädchens nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Zündend waren sie in sein Herz eingedrungen und erfüllten all sein Denken. Ein neuer Gedankenkreis war ihm eröffnet, und all die Dinge des täglichen Lebens und seiner Berufstätigkeit, die ihm bisher die wichtigsten erschienen waren, traten in den Hintergrund vor dem großen Ausblick in das Wesen seines Volkes, welchen ihm Rahel eröffnet hatte. Er versäumte zwar seine Pflichten nicht, allein er war nicht mehr mit ganzem Herzen bei der Erfüllung derselben. Bisher hatte er in den Tag hineingelebt und weiter keine Sorge gehabt als die, sich ein Sümmchen zu ersparen, um ein Gütchen in Pacht zu nehmen und es selbständig bewirtschaften zu können. Nunmehr erschien ihm das ausschließliche Sichabmühen um die Bedürfnisse des irdischen Lebens kleinlich und der großen Geistesgaben, die er in sich spürte nicht mehr angemessen, dagegen verrichtete er die täglichen Gebete mit größerer Innigkeit als zuvor und vollzog die Gottesgebote mit größerer Sorgfalt. Da wurde es ihm bald llar, daß sein Wissen nicht einmal zum rechten Verständnisse der Gebete und zur sorgfältigen Beobachtung der religiösen Vorschriften ausreichte. Einst hätte er zu seinem größten Verdrusse von dem Ausspruche eines Rabbiners gehört, daß der Unwiffende nicht wahrhaft fromm sein könne. Er hatte darin eine Ueberhebung erblickt und die Rabbinnen nur noch mehr gehaßt. Jetzt fing er an zu erkennen, daß die Frömmigkeit nicht blos eine Frömmigkeit des Gemütes, sondern auch ein Produkt des gereiften Denkens sein müffe. Manche Fragen stießen ihm auf, die er sich nicht zu beantworten verstand, und eine heiße Sehnsucht nach der Ausbildung seines Geistes ergriff ihn: Auch Rahel war von einer ihr bisher fremden Unruhe erfaßt worden. Der junge Mann, den sie si> *) Mit Genehmigung der Verlagsbuchhandlung 3- Kauffmoitn in Frankfurt a. M. zum Abdruck gebracht. Nachdruck verboten.

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