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Jüdischer Volksbote · 1911-04-01 · 16 (4.1911) · p. Seite 285

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1911
Issue
16 (4.1911)
Date
1911-04-01
Page
Seite 285 (sequence 21)
Language
German
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285 schädigt fühlt verneint dieselbe, aber von diesem Standpunkt aus dürfte in . keiner Stadt mehr ein neuer Laden aufgemacht werden, da hierzu ein Bedürfnis absolut nicht vorliegt. Soviel ist sicher: würde die Bedürfnisfrage, was Gott verhüten möge, Gesetz, so würden Tausende von Existenzen vernichtet und der Polizeichikane und Bestechungswirtschaft wäre Tür und Tor geöffnet. Die Gefahren die uns drohen erkennend, haben einige Herren 1905 in Stuttgart den Verband zum Schutze des Detailreisens gegründet (in Bielefeld existiert schon länger ein gleicher Verein) und durch Eingaben an Handelskammern, Reichtagsabgeordneten und Vorsprechen bei der Württ. Regierung auch schon ganz schöne Erfolge erzielt. Aber leider fehlen dem Verbände durch so viele Außenseiter, die trotz aller Mühe ihr eigenes Interesse nicht wahren wollen und, weil das Solidaritätsgefühl fehlt, nicht Mitglied werden, die Mittel zur intensiveren Gegenagitation. Unsere Feindesverbände zählen viele tausende von Mitgliedern, während unser Verein, trotzdem in Deutschland mehr als Hunderttausend reisen, nur einige Hundert Mitglieder hat. Es ist dies eine beschämende Tatsache, und wirkt für die Tatkraft derjenigen, welche Willen, Zeit und Geld opfern, oft lähmend. Nun zum Schlüsse. Aus den gehörten Ausführungen können Sie entnehmen, welch unberechenbaren Schaden durch weiter einengende Gesetze gegen das Wandergewerbe, wie die unschöne Bezeichnung heißt, dem Handel und, da der Detailreisende und Hausierer durch Animieren der Kunden viele Waren verkauft, die ohne ihn unverkauft bleiben würden, auch der Industrie und den Industriearbeitern zugefügt werden würde. Was speziell uns Juden angeht, ist, daß wir am schlimmsten getroffen wären, nicht nur Detailreisende und Hausierer, sondern auch sehr viele Engrosgeschäfte, deren Kundschaft zum größten Teil aus diesen Abnehmern besteht. Dem Nichtjnden stehen alle Berufsarten frei, dem Juden nur wenige. Sollte der Kleinhandel, von dem so viele Juden leben, durch die Bedürfnissrage lahm gelegt werden, so wäre Armut, wie in den östlichen Ländern, unausbleibliche Folge. Für die Feier des Schabbos, die der Commission für ländliche Wohlfahrtspflege so sehr am Herzen liegt, ist die Freiheit des Detailreisens sehr wichtig, denn der Detailreisende kann, wenn er die ganze Woche auf der Reise tätig war, trotz Sonntagsruhe, den Sonntag durch die nötigen Arbeiten zu Haus voll ausnützen und hat deshalb weniger Veran-. lassung den heiligen Schabbos zu verletzen. Ich bitte nun die Vorstandsmitglieder der „Commission für ländliche Wohlfahrtspflege" im Interesse der Vielen, deren Existenz in Frage steht, die geeigneten Schritte zu veranlassen, um nach Möglichkeit die drohenden Gefahren abwenden zu helfen. Diejenigen Herren aber, die in der glücklichen Lage sind, nicht reisen zu müssen, bitte ich diesen Unternehmungen keine Prügel zwischen die Füße zu werfen, denn das Recht zum Lebeu das sie für sich in Anspruch nehmen, sollen sie auch den anderen zugeftehen, im Interesse der Gesamtheit.

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