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Jüdischer Volksbote · 1911-03-01 · 15 (3.1911) · p. Seite 263

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1911
Issue
15 (3.1911)
Date
1911-03-01
Page
Seite 263 (sequence 17)
Language
German
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263 „Und meinst Du der Glaube an den einzigen Gott könnte erhalten werden und könnte uns zum Gottesvolke machen ohne das Gottesgesetz?" „Rahel hat Recht-, nahm der alte Horkinas das Wort. „Wir Juden müssen Juden bleiben, das steckt schon in unserm Blute, und wenn einmal ein Geschlecht sich von der Gotteslehre abwendet, so kehrt das folgende mit um so größerer Lust^zu dem alten Erbteil Israels. zurück. Ich kann davon ein merkwürdiges Beispiel erzählen. Mein Vater, sein Andenken sei gesegnet, war ein frommer, heiliger und gelehrter Mann. Er war ein Schüler des großen Hillel. Sein größter Kummer war, daß ich, sein einziger Sohn, mich nicht der Erforschung der Gotteslehre widmen mochte. Mein Vater hatte die Verwaltung unserer Güter vernachlässigt, er hatte ja nur Sinn für das Studium der Thora und für die sorgfältigste Erfüllung aller religiösen Vorschriften; ich dagegen habe einen praktischen Verstand, und es tat mir weh, daß unsere schönen Güter uns so geringen Ertrag brachten; ich widmete mich der Landwirtschaft und perbrachte meine Zeit von morgens früh bis abends spät in Feld und Wald, in Stall und Speicher. Vergebens bemühte sich mein Vater mich zum Thoralernen anzueifern. Einst übermannte ihn der Zorn, und er sprach zu mir: So sollen denn alle diese irdischen Güter, an denen Dein Herz hängt, nicht Dir gehören; ich schenke mein ganzes Besitztum dem heiligen Tempel. — Um jene Zeit diente bei meinem Vater ein Mann aus dem obern Galiläa. Derselbe hatte meinem Vater drei Jahre lang treu gedient. Am Rüsttage des Versöhnungsfestes verlangte er seinen Lohn, um zu seiner Familie zurückzukehren. Ich habe kein Geld, sprach mein Vater. — So gib mir Korn. Auch dieses habe ich nicht. — So weise mir ein Feld für meinen Lohn an. — Ich besitze keine Felder. — So tib mir meinem Lohne entsprechend Vieh aus deinen Werden. — Ich habe keine Herden. — So gieb mir Möbel oder Betten. — Ich habe keine solche. — Dakehrte der Mann mit leeren Händen und betrübtem Herzen zu den Seinigen zurück; er hatte drei Jahre umsonst gedient. - Rach dem Laubhüttenfeste nahm mein Vater einen Beutel mit Gold, ließ drei Esel mit Speisen und Getränken und allerlei Kostbarkeiten beladen, und wanderte nach Galiläa zu seinem ehemaligen Knechte; er gab diesem seinen Lohn und die Geschenke, die er für ihn mitgebracht hatte. Dann fragte er ihn: Was hast du von mir gedacht, als ich die Auszahlung deines Loh-

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