Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1911
- Issue
- 15 (3.1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 262 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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262 ligtums verschuldet haben, so haben wir deshalb nicht aufgehört, das erwählte Volk Gottes zu sein, und wenn wir unserm Vater im Himmel treu bleiben, so wird er uns wiederum unsere Zukunft glücklich gestalten. Ist nicht der heilige Tempel schon einmal gefallen? Damals war es schlimmer als jetzt. Der mächtige Nebukadnezar trieb unsere Voreltern gewaltsam hinweg aus diesem Lande, und die Wenigen, welche Zurückbleiben dursten, mußten bald darauf entfliehen. Damals lag Judäa verödet, bis sich Gott wieder seines Volkes erbarmte und uns hierher zurückführte. Wer waren damals die Retter Israels? Etwa die abgefallenen Priester und Propheten? Nein, die treugebliebenen Pfleger der heiligen Lehre, Serubabel und Josua, Esra, Nechemia und ihre Genoflen. Auch uns wird nur in der sorgfälttgsten Pflege der Gotteslehre und in der strengsten Beobachtung ihrer heiligen Vorschriften das künftige Heil erblühen." Voll Stolz und Freude schaute Kalba Sabua auf seine in Begeisterung erglühende Tochter. Papus aber sprach: „Und du, o Jungfrau, begeisterst Dich für das Studium der Lehre, von dem dein Geschlecht dich ausschließt". „Wenn ich auch", entgegnete Rahel, „mich der Erforschung der mündlichen Lehre nicht widmen darf, so bleibt uns Frauen doch die hohe Aufgabe, dir Männer und Jünglinge dafür zu gewinnen und die Kinder für sie zu erziehen." „Ich fürchte", sagte Papus, „Du ergehst dich in Träumereien, welche dich der Wirklichkeit entfremden. Das römische Reich ist ein anderes als das des Nebukadnezar. Die Römer haben die Pflege der Künste und der Wissenschaften von den Griechen gelernt und in sich ausgenommen. Ihre Philosophen verwerfen die Anbetung der Götzen, wie wir es tun. Plato und Aristoteles glaubten nicht an die Götter des Olymp. Die griechische Philosophie gewährt den Menschen die Freiheit, nur das zu tun und zu glauben, was er als vernünftig erkannt hat. Wer die erhabenen Wahrheiten dieser großen Denker ausgenommen, der kann sich in allen Lagen des Lebens zurecht finden; er ist der einzige Freie; er wird die äußere Form der Dinge von dein Wesen derselben scheiden. So will ich denn auch für mein Volk nur den Kern der Gotteslehre, den Glauben an den einzigen Gott, festgehalten wiflen. Im übrigen mag ein jeder sein Tun und Denken den Verhältnissen anpassen."