Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1911
- Issue
- 15 (3.1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 257 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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257 .das dein bescheidenes Teil ist, damit sei heiter nnd vergnügt. Sei nicht streitsüchtig, nicht neidisch, nicht genußsüchtig: denn Neid, Genußsucht nnd Ehrsucht bringen den Menschen um seine Welt. Kurz, wandele in der Mitte eines jeden Temperaments und Charakters, und meide von Allem die entgegengesetzten Extreme. Daß du nicht etwa sagest, weil denn Neid nnd Genußsucht nnd Ehrsucht den Menschen um seine Welt bringen, will ich mich an das andere Extrem halten, wie z. B. kein Fleisch essen, keinen Wein trinken, keine schöne Wohnung, keine schönen Kleider haben, sondern mich in Sack oder groben Kittel' kleiden, nnd womit sonst der Mensch sich quälen könnte. Auch das ist der Anrechte Weg nnd Sünde, von der man sich ebenso entfernen muß Hatte doch selbst der Nasir ein Sühneopfer dafür zu bringen, daß er fich durch Entsagung an sich selbst versündigt; nnd lehren daher die Weise», wenn der Nasir, der sich nur den Wein versagt, darum Sünder heißt und sühnebedürftig ist, wer sich allen Genuß versagt, um wieviel mehr! Darum lehrten die Weisen, daß wir uns nur dieienigen Dinge versagen dürfen, die uns die Thora verboten, und tadeln es, fich durch Eid oder Gelübde erlaubte Dinge zu versagen. Hast du nicht genug an Dem, sagen sie. was dir die Thora verbietet, daß du dir auch noch anderes verbietest?! Daraus folgt auch, dass diejenigen, welche immer fasten, nicht auf gutem Wege sind. Wer sich durch freiwilliges Fasten schwächt, lehren die Weisen, heißt ein Sünder. Wer aber sich durch Triebe und Leidenschaft bewältigt fühlt, der darf durch Fasten sie überwinden. Lehrer aber z B. und im Dienste Anderer Arbeitende dürfen sich nicht durch freiwilliges Fasten ihre Kraft schwächen, weil sie dadurch ihre Leistungen schwächen. Wäre Gott das Fasten an sich wohlgefällig, so hätte er es uns geboten: allein er hat nur von uns gefordert, uns in Demut vor Ihm zu halten und Ihn zu «hrfürchten. 30 (z,). Es gibt einen Mord, den das sinnliche Auge nicht sieht, dessen Strafe aber außerordentlich groß ist. Es ist eine Sünde, die gar leicht geübt und doch gar schwer dort oben wiegt. Dieser Mord und diese Sünde heißt: Beschämung. Hast du jemand in Gegenwart anderer beschämt nnd gekränkt, wisie, däß ein schweres Unrecht auf dir lastet, das i>u sühnen mnßt, denn du hast das Blut deines Nächsten vergossen. Darum eile hin und suche deinen Nächsten zu beruhigen, bis er sich beruhigt nnd dir verzeihe, und nimm dich künftig doppelt in Acht, jemand zu beschämen und das Angesicht eines Menschen zum Erbleichen zu bringen. 31 (5rt). „Ungückliche Arme nimm in dein Haus! * Gastfreiheit üben ist größer, als in Gott-Anschauung stehen. Abraham bat die sich ihm offenbarende Gottheit zu warten, bis er die Wanderer gastlich in sein Haus geführt. Jeder hat nur nach seinen Kräften diese Bewirtung zu üben. Aber auch Brot nnd Wasser, das er dem Gast reicht, gebe er ihm mit Freuden; denn „besser ist eine Schüssel Kraut nnd ein freundlich Gesicht dabei, als ein gemästeter Braten und verdrießliche Miene dazu". Und während dein Gast speist, sprich mit ihm und rede ihm freundlich zu, deinen Wein — oder dein Wasser zu trinke», sage ihm, Gott wisse es.