Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1910
- Issue
- 14 (12.1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 244 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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244 — er' „daß Vespasian bereits römischer Kaiser ist. Nur noch kurze Zeit wird es währen, daß Du Jerusalem und das Heiligtum unseres Gottes eroberst, und Beides kann nur durch den Mächttgsten geschehen, wie es der Prophet Jeschajahu verheißen hat."' Und siehe da, während sie noch miteinander sprachen, sprengten staubbedeckte Reiter herbei und riefen: Heit unserem Kaiser Vespasian! Der Kaiser ist tot, und Volk und Senat haben den ruhmreichen Feldherrn Vespasianus zum Kaiser erhoben 1" Der neue Kaiser war nun dem Rabbi sehr gnädig und gestattete ihm, die Erfüllung des Wunsches, den er ihm vortragen würde. Rabbi Jochanan den Sackai erbat sich die Erlaubnis, in der Stadt Jabneh ein Lehrhaus zu errichten, um dort ungestört zu lernen und zu lehren. Diese bescheidene Bitte wurde ihm gewährt, und Rabbi Jochanan begab sich mit seinen Schülern nach Jabneh, mitten im Kriegsgetümmel seine Lehrtätigkeit beginnend. Da saß er nun wie einst der Hohepriester Eli, der kommenden Ereignisse harrend, denn sein Herz war besorgt um des Heiligtum unseres Gottes. Und als die entsetzliche Nachricht kam, daß Jerusalem erobert und zerstört und der heilige Tempel verbrannt sei, da zerrissen Lehrer und Schüler ihre Kleider und setzten sich auf die Erde und weinten. So klagten und weinten sie lange Zeit, bis daß der Lehrer sich ermannte und seine Schüler zu trösten begann. „An uns ist es", sprach er, „die Zukunft Israels zu erhalten. Wenn wir auch Alles verloren haben, so ist uns doch unser köstlichstes Kleinod, die Lehre unsres Gottes, geblieben. Sie ist der -Üuell unsres Lebens und die Bürgschaft einer kommenden, bessern Zeit. Wohlan, wir wollen uns durch Trauer und Schmerz die Kraft des Geistes nicht lähmen lassen! Wir wollen uns unsres Lebens Leben und unfern Kindern das Erbe der Väter erhaltenl“ So begann denn der Lehrer mit seinen Schülern die geräuschlose Geistesarbeit, welche Israels feste Burg wurde, in welcher die zerstreute und verfolgte Lämmerherde Schutz und Sicherhett fand vor den sie verfolgenden Wölfen. Wenn auch Jerusalem und der heilige Tempel zerstört war, so war der Fluch, welcher heutzutage auf Palästtna ruht, der Fluch, daß der Erdboden nicht hergibt seine Frucht, uud wette, einst.fruchtreiche Länderstrecken verödet liegen, noch nicht eingetreten. „Eine