Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1910
- Issue
- 14 (12.1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 243 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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243 Akiba.» Historische Erzählung von Rabbiner Dr. M Lehmann. I. Jerusalem war zerstört, der heilige Tempel ein Raub ' der Flammen geworden. Unsägliches Elend war über Juda hereingebrochen; das Blut der Erschlagenen und Gemordeten bedeckte den Erdboden; Tausende der Edelsten und Besten waren zu Sklaven verkauft oder mußten in der Arenü gegen die wilden Tiere kämpfen, dem blutdürstigen, römischen Volke ein entsetzliches Schauspiel bietend. Verzweiflung hatte sich der Ueoriggebliebenen bemächtigt. Unter dem bluttriefenden Fuße des römischen Siegers schien Juda seine Seele aushauchen zu sollen. Und doch war der Keim der Erhaltung, des Wachstums und der ewigen Dauer schon vorher gelegt worden, zwar unscheinbar und gering, aber kräftig und Leben verheißend. Rabbi Jochanan den Sackai, der große Lehrer Israels, hatte den Untergang der heiligen Stadt vorausgesehen. Vergebens hatte er zum Frieden und zur Unterwerfung gemahnt. Die Eiferer in der Stadt wollten lieber den Tod und Untergang erdulden, ehe sie das Sklavenjoch der Römer ertrugen. Da ließ Rabbi Jochanan das Gerücht seines Todes verbreiten; seine Schüler Elieser und Josua legten ihn in einen Sarg, Elieser faßte am Kopfende und Josua am Fußende an, und so trugen sie ihn in der Abenddämmerung bis an das Tor der Stadt — „Es ist eine Leiche", sagten sie zu den Wächtern des Tores, „die wir außerhalb der Stadt begraben wollen", und man ließ sie ungehindert ziehen. Rabbi Jochanan begab sich in das römische Lager und ließ sich vor den Feldherrn. Vespasianus führen.— „Heil Dir, römischer Kaiser!" rief er den Feldherrn zu. — „Wenn Deine Anrede", sagte Vespasian, „dem Kaiser unterbracht wird, so wird er Dich und mich töten lassen." — „Ich aber sage", entgegnete der Rabbi, *) Mit Genehmigung der Verlagsbuchhandlung I. tlauffmann in Frankfurt a. M. zum Abdruck gebracht. Nachdruck verboten.