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Jüdischer Volksbote · 1910-10-01 · 13 (10.1910) · p. Seite 217

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1910
Issue
13 (10.1910)
Date
1910-10-01
Page
Seite 217 (sequence 7)
Language
German
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217 tote die Liebe zu einem Weibe, den Menschen ganz beherrscht. Wenn diese das Herz so zu erfüllen vermag, daß diese Liebe es nie verläßt und wachend und schlafend, daheim und in der Ferne das Bild des geliebten Gegenstandes die Gedanken beschäftigt, so soll die Gottes-Liebe in dem Herzen seiner Freunde in noch weit höherem Grade diese Macht ausüben, wie die Anforderung lautet, Gott zu lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele. Daher konnte Salomo auch Israel im Bilde von dieser Liebe sprechen lassen: denn liebeskrank bin ich, ’jx runx nSm. Nun ist es aber jedem Ginsichtigen klar wie die Sonne, daß nur vermittelst der Erkenntnis, die Liebe seines Schöpfers im Menschen diese reine mächtige Höhe erreichen kann; darum hat der Mensch diese Erkenntnis auf dem Wege der Wissenschaft und jener Kenntnisse anzustreben, die ihn nach seinen Kräften seinen Herrn und Meister kennen lehren. Es hat uns Gott selbst ja zu dieser Liebe und Ehrfurcht verpflichtet, die eben sofort entspringt, sobald wir über Gottes große und wundervolle Werke Nachdenken. Es faßt uns dann jene Sehnsucht der Erkenntnis, der David mit den Worten Ausdruck verleiht:• meine Seele dürstet zu Gott, zum lebendigen Gott. Zugleich wird ihn über eben auf diesem Wege Gottes unendlicher Erhabenheit gegenüber das Bewußtsein der eigenen Kleinheit und Unzulänglichkeit mit ehrfurchtsvoller Scheu und tiefinnerster Demut erfüllen, wie ebenso David singt: sehe ich -eine Himmel, das Werk deiner Finger — was ist dann der sterbliche Mensch, daß du seiner gedenkest! 13 (i5). Der Fromme ist bescheiden! Wo Ehre und Größe zur Geltung kommt, hält er sich zurück und stellt sich nicht in die Reihe der übrigen. Sitzt er vor seinem Lehrer und erinnert sich einer wissenschaftlichen Frage oder eines Einwurfs, den er erhoben, oder gelöst, so wird er zu seinem Lehrer oder College« nicht sagen, ich habe diese Frage aufgeworfen oder so habe ich sie gelöst, sondern: diese Frage oder Lösung habe ich vernommen, damit er in seinem Innern sich nicht selbstgefällig fteue, und immer wird er seinem Lehrer oder Kollegen die Ehre lassen. Hat doch selbst Moses zu Josua gesprochen: Wähle uns Leute! Und von ihm lernte es R. Gamliel: es hat mir und meinem College« beliebt u. s. w. Spricht doch Gott selber zu Iesaias: wen soll ich senden, wer soll für nus gehen! Daraus haben unsere Meister die Weise der Bescheidenheit gelernt. (Es heißt aber wohl nur darum nicht: Wen sollen wir senden, um nicht dem Scheine einer Pluralität der Gottheit Vorschub zu leisten.) So wird der Bescheidene immer den andern in der Rede voranstellen und nicht sagen: Ich und du, sondern du und ich, wie die Schulen Schammai's und Hillels wenn sie beiderseitige Meinungen vortrugen, immer die der gegenseitigen Schule zuerst vortrugen. Sitzt er im Lehrhause und weiß «inen Eiuwurf und eine gute Lösung, wird er sich nicht vordrängen, sie mitzuteilen, sondern, wird erst dann damit hervortteten, wenn er sieht, daß ine Lehrversammlung nicht von selbst darauf kommt. Hört er von seinen Mitcommilitionen eine Aeußerung, die er auch zu machen willens gewesen, wird er ihnen nicht mit der Bemerkung in die Rede fallen, er habe dasselbe sagen wollen, er wird vielmehr lieber schweigend zuhören. Oft wird

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