Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1910
- Issue
- 13 (10.1910)
- Date
- 1910-10-01
- Page
- Seite 214 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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214 den Fingern blitzen, sein Anzug ist schäbig und verschoffen. Was ist mit ihm? Ist ihm sein Weib gestorben? Droht ihm der Büttel? Hat er nicht satt? O ja man sirhtS ihm an — Kapaunen zieren seinen Tisch nicht. O ja, er hat zu kämpfen, wacker und beständig zu kämpfen. Aber nicht deshalb schluchzt er in die Tefilloh — nein, er hat sein kleines Leid, sein kleines Selbst vergessen, sein kleines Leid, sein kleines Selbst hineingegoffen, eingemischt, in das große ungestillte, unsägliche Leid der Gesamtheit Israels, in ihr Golusweh. Und es bricht mit Ungestüm der Schmerz aus ihm hervor, daß der Name Gottes, der große, heilige erhabene Name noch so wenig geehrt, so wenig anerkannt wird auf dieser Erde, daß man sein Volk noch mit Füßen tritt und peinigt. Keiner weiß, was da zuckt und rinnt. Nur Einer, der Erschauer und Erprober von Herz und Nieren. Ist der Rang nicht groß! Muß dem Mann nicht ein gutes Jahr werden in seiner Selbstvergeffenheit? Nimmt er nicht mit ins Grab, übers Grab hinaus diese rein geweinten, diese um Gottes Willen geweinten Thränen? Und der Andere, der Reiche? Vor dem sich der Tisch beugt unter der Last der Leckerbiffen? Wenn er nun etwa seinen Reichtum in seiner kurzen Spanne hieniedigen Lebens nicht entsprechend ausgenutzt hat, wenn er sichs nur behaglich gestaltet hat, und anderen wenig behaglich, was winkt ihm? Vielleicht seidene Decken und samtene Kiffen? Vielleicht wird er eingepolstert in sein Gold? Vielleicht bahnen ihm seine Juwelen den Weg? Das Ansehen versinkt und die Seide verblaßt und die Schönheit zerfällt und das Gold bleibt zurück, und in der dunklen Gruft giebts nur vier Ellen Raum für jeden und der erkaltete Mund schmeckt nicht mehr die Leckerbiffen nach und es begleitet seine dem Körper entflohene Seele, die nun zur Rechenschaft gefordert wird, keine volle Guttat und keine mühsam errungene Thauro und sie steht nun leer und nackt und frierend da vor ihrem allwissenden Richter. Es ist ihm immer gutgegangen vormals, bei Lebzeiten, man hat sich auch vor seinem Gold gebückt, man hat ihn auch heimlich beneidet, und er hat doch keine guten Jahre verbracht und er war doch, recht betrachtet, ein Fahneuflüchtling im Heere Gottes, dem nun seine Fahnenflucht keinen Gewinn gebracht . . . Wer aber verbringt gute Jahre, im reinsten und besten Sinne gute Jahre? Wer dürfte zu hoffen wagen, daß sich dieser „l'schonoh tauwoh* Wunsch ganz und umfaffend an ihm erfüllt? Wer sich die Kraft Zutrauen dürfte, wer die Kraft betätigen könnte, allezeit unter allen Umständen, mit jedem Schritt, mit jedem Gedanken, mit jedem Gefühl seinem König als tteuer Soldat untertänig zu sein, keinen anderen Willen zu kennen als den Königswillen und die Königsherrschaft damit hienieden zu befestigen — der allerdings dürfte seine Jahre, dürfte das eine Jahr, in dem ihm das restlos geglückt wäre, als gut bezeichnen. Dem wird auch nichts daran gelegen sein, ob es um ihn wettert und blitzt oder ob ihn Sonnenschein und Frühlingslust umfächeln, er geht aufrecht seines Wegs, immer beherzt,