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Jüdischer Volksbote · 1910-08-01 · 12 (8.1910) · p. Seite 209

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1910
Issue
12 (8.1910)
Date
1910-08-01
Page
Seite 209 (sequence 17)
Language
German
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209 senkende Mensch mit beklenimendem Gefühl und banger Sorge der Zukunft «ntgegen. Die Ueberfülluug des Kaufmannsstandes, die bis zur Unerträglichkeit angewachsene Konkurrenz, die unzähligen Geschäftshäuser, welche sich in dicht geschlossenen Reihen in unübersehbarer Menge durch alle größeren Städte hinziehen, die allgemeine Wehklage über schlechte Geschäfte, drängen uns die Ueberzeugung auf, daß dieser Zustand durch den Nachwuchs nicht progressiv zunehmen darf. Der Andrang zu den Universitäten läßt die Zukunft auch nicht im strahlendsten Lichte erscheinen. Bei der ungemein großen Frequenz der höheren Lehranstalten sagt uns das Bewußtsein mit zwingender Gewißheit, daß, wenn immer mehr Zuwachs kommt, ein Gelehrten-Proletariat entstehen muß, wie es die Geschichte bis jetzt nicht aufzuweisen hatte. Rechnen wir noch mit der unleugbaren Tatsache, daß uns die Wege zu den Staatsämtern verschlossen sind, so scheint es sehr bedenklich, das Studium zum Broterwerb zu wählen, besonders wenn infolge finanzieller Verhältnisse der Fortgang des Studiums erschwert wird. Eine nicht zu unterschätzende Gefahr ist die Tatsache, daß sich mehr und mehr Frauen mit staunenswertem Erfolg in die Berufsarten der Männer drängen. Wir können der Frauenbewegung infolge der erschwerten Versorgungsverhältnisse die Berechtigung nicht absprechen, es ist aber unverkennbar, daß sie besonders durch die bescheideneren Gehaltsansprüche das soziale Elend der Stellenlosigkeit wesentlich vergrößert. Jede angestellte Verkäuferin macht einen Verkäufer entbehrlich, jede Buchhalterin, jede Lehrerin, jede Aerztin verdrängt einen Mann, ja vermutlich ist die Zeit nicht mehr fern, da redegewandte Damen mit Juristen und Theologen den Wettbewerb aufnehmen werden. Die ungünstigen sozialen Verhältnisse, die immer mehr zunehmenden Schwierigkeiten der Berufsfrage verlangen mit zwingender Notwendigkeit die Schaffung neuer Erwerbsquellen, es ist eine dringende Forderung der Zeit, der israelitischen Jugend zahlreichere Berufsbahnen zu eröffnen. Diese Frage findet die natürlichste und zweckmäßigste Lösung in der Ausrottung falscher Ehrbegriffe, in der Rückkehr zu den Arbeiten unserer Väter, in der Rückkehr zu ihrer Einfachheit und Sparsamkeit. Die traurige Erscheinung der immer mehr zunehmenden Sabbatentweihung in allen Geschäftskreisen erfüllt jeden religiös gesinnten Juden mit Wehmut und Schmerz. Die außerordentlich hohe Bedeutung der Sabbatheiligung ist jedem Juden bekannt, der Religionsunterricht genossen hat. In der Schule wird uns der Sabbat als das höchste Kleinod, als Kernpunkt des Judentums, als Grundlage der Religion dargestellt, seine Entweihung wird uns als das größte Verbrechen eingeprägt, das nach der Lehre des Judentums gleich dem Götzendienste geahndet wird, und trotz dieser ernsten Lehren hat die Sabbatentweihung eine solche Ausdehnung gewonnen. Wie possenhaft muß uns der Religionsunterricht erscheinen, wenn uns das Bewußtsein mit Bestimmtheit sagt, daß das Kind die Schule verläßt, um mft diesen schönen Lehren im Herzen in ein Geschäft einzntreten, wo es diese Todsünde unzählige Mal begehen wird.

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