Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1910
- Issue
- 12 (8.1910)
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 207 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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207 a. die Erleichterung der wirtschaftlichen Existenz auf dem Lande. d. die Stärkung des religiösen Gefühles im Sinne der überlieferten Lehre, mit ihrem starken Gegengewichte gegen alle Veräußerlichung und gigen die Gefahren der Großstadtkultnr. Es steht aber angesichts der bereits oben geschilderten Verhältnisse ein großer Teil der jüdische» Landbevölkerung, derjenige erhebliche Teil derselben nämlich, der im Vichandel tätig ist, f o r t g e s e tz t vor der bangen Wahl, entweder seine E x i st e n z aufs Spiel zu setzen oder seine Religion zu opfern. Wie diese Wahl auch auSsällt. den Schaden erleidet nicht nur der Betroffene, sondern mittelbar das Staatsganze, dem an der Erhaltung in sich gefestigter, glaubenStreuer und dabei wirtschaftlich leistungsfähiger Bürger gelegen sein muß. ES ist uns eine große Zahl von Fällen bekannt, in denen jüdische Viehhändler, zunächst selbstverständlich noch ohne sonst ihre religiöse Gesinnung zu ändern, unter dem Drucke der Verhältnisse damit angefangen haben, die Verladung ihrer Ware am Sabbat vorzunehmen, worauf sich dann, nachdem djese erste Bresche in die überlieferte Lebensführung gelegt war. in rascher Folge bei ihnen und bei ihren Kindern die völlige Lossagung vom überlieferten Judentum und damit die Vernichtung der kostbarsten sittliche» Lebenswerte vollzog. In anderen Fällen entschließen sich die vor so schwerer Wahl Stehenden, ihr Gewerbe, das sie redlich nährte, auszugeben und dann nach der Stadt zu ziehen, zumal sie sich auch der Hoffnung hingeben, ihre sonstigen Wünsche dort in reicherem Maße erfüllt zu sehen. So kann eS denn keine dringendere Aufgabe für eine weitschauende Staatsbehörde geben, als diesen furchtbaren und in seinen Konsequenzen unberechenbaren Konflikt nach Möglichkeit aus der Welt zu schaffen. Wir bitten Ew. Excellenz aufs dringendste, angesichts dieser außergewöhnlich, erifften Situation, bei der Erwägung unsere« Gesuches nicht nur von dem Gesichtspunkte der möglichsten Befriedigung aller Verkehrsinteressenten ausgehen, sondern darüber hinaus die sittlich-religiöse Bedeutung des hier anfgewolfenen Problems in Betracht ziehen zu wollen." Auf diese Eingabe teilte der zuständige Referent unsren Vertretern in persönlicher Aussprache mit, daß der Herr Minister unsere Ausführungen, mit ernstem Interesse gelesen und den lebhaften Wunsch habe, uns nach, Möglichkeit entgegenzukommen. Die Verhältnisse lägen indessen an den einzelnen Stationen so verschieden, daß generelle Anordnungen natürlich nicht getroffen werden können. An manchen Orten sei es z. B. denkbar, daß ein Gepäckbeamter in der Nacht Vieh annimmt, an andern Orten fehle es ganz an Personal usw. Es wurde schließlich vereinbart, daß daK Ministerium sämtliche Eisenbahndirektionen anweisen werde, in eine genaue und möglichst wohlwollende Prüfung der im Sinne unserer Eingabe zu stellenden Anträge einzntreten. Dem entspricht folgendes, dem Vorstände, zugegangenes ministerielles Schreiben: Der Minister der öffentlichen Arbeiten. Berlin W 66. 7. 3uli 1910. II. c. a. 216. Willi-Imftr. 79. Auf die Eingabe vom 27. Mai d. I. Wie den Vertretern der »Freien Vereinigung" bereits von dem Referenten meines Ministeriums mündlich mjtgeteilt worden ist, läßt sich von der Zenttalstelle aus nicht übersehen, an welchen Plätzen die EisenhahnbettiebSverhältnisse die Berücksichtigung der gestellten Anträge gestatten. Voraussichtlich werden an vielen Stellen di« örtlichen Einrichtungen der Stattonen, ihre Personalbesetzung, sowie der Aufbau de« Fahrplans ber Verwirklichung der geäußerten Wünsche entgegenstehen. Zu berücksichtigen «st dabei namentlich, daß zur Gewinnung ausreichender Sonntagsruhe für das Personal des äußeren Dienstes die Ruhe im Güterverkehr bereits in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag beginnen muß.