Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1910
- Issue
- 12 (8.1910)
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 206 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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206 als solche anzunehmen, in der die Händler mit dem Antreiben ihre« VieheS beginnen könnten. Bei der Festsetzung der Züge wäre aber noch weiter zu berücksichtigen, daß zahlreiche Viehhändler nicht an Orten mit Bahnstation wohnen und ihr. Vieh erst dorthin verbringen müssen. Dort, wo die ortSpolizeilichen Bestimmungen in den Abendstunden deS Sonntag» eia Zutreiben de» Liehe» gestatten, käme außerdem die eisenbahnseitige Annahme von Viehsendungen in der Nacht von Sonntag auf Montag auch in den Stunden vor Mitternacht in solchen Fällen in Betracht, in denen mst den nach Mitternacht abgehrnden Zügen der Bestimmungsort nicht mehr rechtzeitig erreicht werden könnte. Unsere ehrfurchtsvolle Bitte geht also endlich dghin e. die Königlichen Eisenbahndirektionen auch auf die Freigabe dieser Stunden für den Eventualfall Hinweisen zu wollen, zumal hierdurch in manchen Orten die Inanspruchnahme der Nacht zum Sonntag überstüsfig wird. Auf unsere Anregung und nach genauer Prüfung aller Verhältnisse hat der über ganz Deutschland sich erstreckende .Bund Deutscher Viehhändler'. lE. V) Sitz Dierdorf a. Rh. eine Eingabe nach der Richtung unserer Petita bereits unterm 28. April an die .ständige Tarikkommiffion der deutschen Eisenbahnen' gerichtet, welch letztere die Eingabe dem Reichseisenbahnamt überwies. Den Bescheid des ReichSeisenbahnamtS, der die Königlichen Eisenbahndirektionen als zuständig zur Erfüllung unserer Wünsche bezeichnet, fügen wir abschriftlich bei. Sollte sich über irgendeinen Puntt ein Zweifel erheben, so bitten wir Ew. Excellenz dieserhalb uns zum Bericht auffordern zu wollen. II. Wir gestatten uns, nunmehr auf die allgemeinen Gesichtspunkte hinzuweiien. die uns veranlaffen, mit unsere» Wünschen vor allem unmittelbar an Ew. Excellenz und zu nach st nicht an die einzelnen, dem Eisenbahnministerium Nachgeordneten Verkehrsbehörden heranzutreten. ES sind nach unserer tiefsten Überzeugung schwerwiegende staatliche Jntereffen die in dieser Angelegenheit auf dem Spiele stehen und die es rechtfcrttgen dürften, daß Ew- Excellenz nicht nur als oberster Leiter des Eisenbahnwesen» der Monarchie sondern als Staatsminister und Mstglied der Königlichen Staatsregierung in eine ernste Würdigung unsere« Anliegen» emtreten. Schärfer al» innerhalb der ganzen Volksgemeinschaft tritt unter den Angehörigen der jüdischen Konfession jene volkswirtschaftlich und ethisch gleich bedeutsame Tatsache in die Erscheinung, die man unter dem Namen .Landflucht' zu begreifen pflegt- In geradezu beängstigender Weise hat sich in den letzten Jahrzehnten eia Rückgang der kleinen jüdischen Landgemeinden vollzogen, deren Angehörige in unausgesetztem Zuge in die Großstädte drängen und sich dott im Schoße der rapid wachsenden jüdischen Großgemcinden verlieren. Die Folgen dieser Erscheinung find nicht nur von vernichtender Wirkung auf den Bestand der jüdischen Landgemeinden selbst, sondern bedeuten auch eine überau» schwer« Gefahr für die Forterhaltung de» religiösen Lebens in Einzelkreisen und schließlich für die ganze geistig-religiöse Struktur der jüdischen Konfession. Naturgemäß sind es gerade die ländlichen Gemeinden, die den vornehmsten Sitz der konservattv-jüdischen Gesinnung bilden, und in deren Boden die Treue zu den von den Vätern überlieferten Heiligtümern, wie überhaupt die konservative Geistesrichtung ihre festen Wurzeln haben. Mit dem Einttirt in die Großstadt hingegen machen sich gerade im Kreise unserer GlaubenSgenoffen mit ihrer für neue Eindrücke besonder» empfänglichen Psyche alle jene zersetzenden nnd nivellierenden Einflüsse geltend, welche unserer Zeit überhaupt den Stempel aufdrücken, und in deren Bekämpfung der Staat mit vollem Rechte eine seiner vornehmsten sittlichen Aufgaben erblickt- Scheint es auch auf den ersten Blick, als ob der Gegenstand unserer Eingabe mit diesen weitgreifenden priuzipellen Erwägungen nicht in unbedingtem Zusammenhang stehe, so ist die« in Wirtlichkeit dennoch der Fall. Will man nämlich den geschildetten Strömungen entgcgenwirken, so ist ein Doppeltes nötig: i