Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1910
- Issue
- 12 (8.1910)
- Date
- 1910-08-01
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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196 genießt. Einer der Weisen sagt, es sei der Tag gewesen, an welchem die über den Stamm Benjamin verhängte Ausschließung auS der Zahl der Stämme wieder aufgehoben wurde. Am Ende des Richterbuches (c. 19—31) wird von einer schweren Untat erzählt, von einer sittlichen Verfehlung, die an das Verhalten der Sodomiter erinnerte und deren Schauplatz Gibea, eine Stadt im Gebiete des Stammes Benjamin war. Anstatt nun, wie es ganz Israel verlangte, die Missetäter zu bestrafen, hatten die Benjaminiter sich mit ihnen solidarisch erklärt, und in dem darauffolgenden Bruderkampfe wurde der Stamm Benjamin fast vollständig aufgerieben, der Rest aber durch einen Bann aus der Gemeinde Israels ausgeschlossen. Man bereute aber später doch das allzuharte Vorgehen und nahm den übriggebliebenen Teil des Bruderstammes wieder auf. Der Tag dieses Beschlusses war für Israel ein Freudentag. — Ein anderer von den Talmudlehrern sagt, am 15. Aw seien die Wachen aufgehoben worden, die Jerobeam einst aufgestellt hatte, um die Bewohner des Reiches Israel an den Wallfahrten nach Jerusalem zu hindern. Er fürchtete, diese Wallfahrten könnten das Gemeinsamkeitsgefühl zwischen den getrennten Brüdern wieder stärken und eine Wiedervereinigung der Reiche Juda und Israel unter dem Szepter des davidischen Königshauses herbeiführen. Darum' sollte Israel nicht mehr zum einzigen Gotte im Tempel zu Jerusalem, sondern zu den von ihm aufgestellten goldenen Kälbern beten. Erst unter dem letzten Könige von Israel, Hosea, wurde das Verbot aufgehoben. Es war freilich zu spät; die Liebe zu Jerusalem» zum Gottestempel war erloschen. Dennoch beging man den Tag der Aufhebung als einen Tag froher Erinnerung. — Ein weiterer Grund hängt mit dem Tempeldienst zusammen. Während des Sommers wurde das Holz gefällt, das zur Unterhaltung des Altarfeuers bestimmt war, und an der Sonne getrocknet. Nach dem 15. Aw ist, wie es im Talmud heißt, die Kraft der Sonne nicht mehr so stark, und deshalb hörte man an 'diesem Tage auf mit dem Fällen der Bäume. Auch der Abschluß dieses, für das Heiligtum bestimmten Werkes gab dem Tage eine besondere Weihe. — Endlich knüpft sich an den 15. Aw noch eine Erinnerung aus den Tagen des letzten Frecheitskampfes Israels gegen die römische Weltmacht. Es war wenige Jährzehnte nach dem Falle Jerusalems und des Tempels. Schwer seufzte Israel unter dem römischen Joche, und im Volke lebte immer noch die Hoffnung, daß die römische Herrschaft gebrochen und Staat und Heiligtum wieder aufgerichtet werden könnten. Und in dieser Zeit der Gährung trat ein Mann auf, der wie geschaffen schien, um die im Geheimen genährten Hoffnung, zu erfüllen. Bar Kochba hieß der kühne Held, der überall wohin er kam, das Volk zur Begeisterung fortriß und dem sogar ein Mann wie R. Akiba zujubelte. Er wollte Israel befreien, wollte Palästina von den römischen Gewaltherrschern zurückerobern. Und im Anfang hatte er auch Erfolg, die römischen Feldherren