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Jüdischer Volksbote · 1910-06-01 · 11 (6.1910) · p. Seite 191

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1910
Issue
11 (6.1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 191 (sequence 17)
Language
German
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191 Weideland und sproßte üppige Saat. Aber der Sumpf blieb doch in der Mitte, und die Sonne machte doch ein graues mürrisches Gesicht, wenn sie ihn ansah. In dem Sumpf lebten allerlei Tierlein, große und kleine, dicke und dünne, alte und junge, Salamander und Eidechsen und Frösche und Sumpfvögel und noch so manche Zweifüßler und Vierfüßler. Die fühlten sich alle urbehaglich dort und schlängelten und hüpften und wateten drin herum, daß es nur eine Lust war. So durchaus sauber blieben sie natürlich nicht in der Umgebung, ganz und gar nicht. Im Gegenteil, sie waren alle kohlrgbenschwarz. Aber sie hatten gar kein Bedürfnis danach, einmal ein gründliches Reinigungsbad zu nehmen, die Schmuhkruste deckte und wärmte famos, und da sie's einmal gewohnt waren, so mochten sie ihre liebe alte Gewohnheit nicht verlassen. Sie wußten auch nicht, daß es Helles, klares Wasier und kräftigen, gesunden Boden gab. Je morscher und schlüpfriger und kotiger, um so höher und edler dünkte ihnen ihr Heiniatsort, und sie waren stolz darauf und warfen sich in die Brust und quakten und quakten und piepsten, nach echter, dunkler Torenart: „Wir sind die Herren der Erde." Auch einen Götzen hatten sie, den sie anbeteten, einen mächtigen Wassergötzen, der kam oft in heimlicher Nacht, wenn sie insgesamt den Schlaf der Schlammgenosien schliefen, über die Ufer gestiegen und überschwemmte mit seinen Trabanten weithin das ganze Land, desien Samen dann üppig in die Halme schaffen und den Kumpanen Kraft gab, zu neuem lästerlichen Leben. So wurde der Sumpf immer größer und immer ausgedehnter und immer bevölkerter, daß sich die Leute vor ihm fürchteten und scheu zurück- ■ wichen, wenn sie in seine Nähe kamen. Tenn sie hielten das nicht für ein. besonderes Vergnügen, so bis über die Knöchel im Moor zu versinken und sie hatten an ihrer Unreinlichkeit gerade genug. Und in den Sumpf gerieten einmal eine Schar von weißen Tauben, die von fernher stammten und nach einer Ruhestatt für ihren müden Fuß suchten. Tie hatten viele, viele Jahre schon in den Höhen und auf Bergcsgipfeln und über den Dächern genistet, da, wo das Auge frei und froh zum Himmel aufschaut und wo die Seele jauchzend ihre Flügel aneinandcrschlägt und flattert und jauchzt: „Tirili! Tirili! — Wo ich hinflicg, vergeff' ich nimmer und nie! — Tirili! Tirili! — Dem Schöpfer, dem danke ich abends und früh!" — Einer aus ihrem Geschlecht war in das Sumpfland vor langer Zeit verschlagen worden und dort zu Rang und Ansehen gelangt, trotzdem sein Gefieder noch so ebenmäßig weiß und glänzend war wie zur Zeit, als ihn sein Vater hegte und hätschelte. Ter hatte dann einmal leine unendliche Sehnsucht nach dem Vater, dem hohen Fürsten der Taumn, nicht mehr bemeistern können, und als man ihm gar sagte, daß der Gram und der Schmerz über den vermeintlichen Tod seines geliebtesten Taubenkindes ihm die Schwungkraft gelähmt hatte, die ihn vordem alle Lüfte hatte durchmeffen lasten, da entsandte er Boten, um das ganze Taubengeschlecht um den Sumpf herum anzusiedeln. Und dieses kam und blieb, immer jedoch hübsch in an-

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