Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1910
- Issue
- 11 (6.1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 192 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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192 gemessener Entfernung von den Moorbewohnern, um seine Hellen Aeugelein und sein blitzendes sIefieder in gar keine Berührung zu bringen mit der finstern Sippschaft. Die Zeit verrann. Alle die reinen Tauben, die sich mit ihrem schmetternden Tirili immer ihres Höhendaseins erinnerten, hauchten ihre Seele aus, und auch der Würdenträger aus ihrem Stamm war schon so lange heimgegangen ins ewige Taubenheim, daß niemand mehr von ihm wußte. Da begannen die Frösche zu quaken: „Quakquak — die fremde Gesellschaft paßt uns nicht!" Und die Eidechsen murmelten: „Wer nicht mit uns schlüpft, der soll zum Land, hinausschlüpfen." Und die Sumpfvögel stolzierten: ~ „Stelzstelz — uns paßt nicht der weiße Schmelz!" Der Schlammkönig aber sagte: „Nur gemach, wir wollen den Tauben schon die Flügel stutzen, daß sie krabbeln müffen wie unsereins auch. Laßt mich nur machen!" Und die Täubchen wurden mit lieblichen Versprechungen gelockt und — sie fürchteten sich gar nicht so recht mehr. Denn schon vorher hatten manche von ihnen mit neugierigen Augen auf den Kot geblickt und hatten versucht, ob sich's da wohl auch gehen ließe und hatten ein Füßchen hineingesteckt und dann noch eines, und den Füßchen war auch das Beinchen gefolgt, und den Beinchen das Körperchen, und bald war's diesem und jenem und diesem gar nicht mehr so sehr unwohl drin. Dio Taubenmütter allerdings, die lieben, treuen Taubenmütter, die schalten, als sie ihre Kinder dann sahen, deren Gefieder befleckt war, und baten und warnten, sich nicht einzulasten auf die Verlockungen des schwarzfarbigen Gesindels, schamhaft zu sein, daß man so rein bleibe, wie's einem die vorbestimmte Natur geboten habe. Und wer zum Fliegen geboren sei, dem tauge das Waten nicht. Allein mehr und mehr von dem Taubenvölkchen mischte sich unter die Dunkeln und tat stets vertrauter mit ihnen. Da drehte sich das Blättchen. Statt des süßen Girrens der Sumpfvögel ertönte plötzlich rauhes Gekrächze von allen Seiten, vom König herab bis zum- Bettler zwickte und zwackte man die Täubchen und spie ihnen alles Gift ins Gesicht, das man angesammelt hatte. Da wurden sie gewahr, daß es nur geheuchelte Liebe vorher war, und wenn sie nicht noch ein Taubengemüt gehabt hätten, ein so sanftes Taubengemüt trotz alledem und alledem, und'wenn sie nicht so schwach und des Fliegens ungewohnt gewesen wären vom steten Kriechen im Sumpf: dann hätten sie sich wohl einen Ruck gegeben hinaus und hinauf! Nur ihr Gefieder sahen sie in ihrem Elend, und sie sahen, wieviel der Federn ihnen ausgerupft worden waren und wie geschwärzt-Biele davon waren. Und weil sie aus dem schlammigen Wasser nicht herauskonnten und weil sie immer, tiefer drein versanken und nicht imstande waren, ihre Flügel zu säubern und zu putzen, drum schrieen sie, ihrer lieben treuen Mütter und der schönen Vorzeit eingedenk: t