Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1910
- Issue
- 11 (6.1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 189 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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189 Die Schranken des -düstern Mittelalters sind gefallen, die Fesseln der Vorurteile und der Unduldsamkeit sind zum Teil gesprengt, die brutalen Zunftgesetze sind aufgehoben, und eine tolerante Verfasiung hat die Gleichberechtigung aller Konfessionen proklamiert, eine humane Gesetzgebung hat uns die Pforten zu allen beliebigen Erwerbsquellen geöffnet. Unter dem Schutze einer weisen und gerechten Regierung können wir ungestört von den Nahrungszweigen unserer Väter wieder Besitz ergreifen. Ohne äußere Hindernisie, ohne Anfeindungen, ohne Verfolgungen können -wir unsere Kinder denjenigen Berufen zuführen, die den Stolz der Vorfahren bildeten. Trotzdem muffen wir objektiv konstatieren, daß in der glücklichen Zeit der Gegenwart sich namentlich in Deutschland verhältnismäßig wenig Juden dem Handwerk widmen. Woher kommt es, daß in unserem Zeitalter so wenig Lust und Liebe zu diesen Berufen vorhanden ist? Warum werden sie so stiefmütterlich behandelt? Sind andere Erwerbsquellen ergiebiger, oder haben wir mieden Lebensanschauungen unserer Väter gebrochen? Eine erschöpfende Antwort läßt sich auf diese Fragen nicht geben, und ich will mich nur darauf beschränken, unter den mannigfachsten Ursachen, welche dieser Erscheinung zu gründe liegen, die Nächstliegenden und sichersten Motive hervorzuheben. Zunächst ist es nicht zu verkennen, daß sich alte Sitten, alte Lebensanschauungen und Lebensgewohnheiten, welche uns mit der Muttermilch zugeführt werden, nicht wie ein Kleid abstrcifen lassen. Infolge der judcnfeindlichen Edikte war seit Jahrhunderten der Handel die einzige Erwerbsquelle des Juden. Ausschließlich auf den Handel beschränkt, in diesem engen Kreis großgezogen, in der geschäftlichen Atmosphäre herangewachscn, in seinen Jntereffenkreis frühzeitig hcreingczogen, hat der Jude seinen Scharfsinn, seine Aufmerksamkeit und seine Tatkraft nur diesem Gebiete zugcwandt, und einige Jahrzehnte — die Emancipation datiert seit 1848 — sind nicht ausreichend, die alten seit Jahrhunderten eingewurzelten Gewohnheiten und Jntereffen zu bannen. Zur Ehre der Wahrheit müssen wir auch cingestehcn, so wenig schmeichelhaft es für uns klingt, daß die moderne Zeitströmung mit alten Vorurteilen und Gebrechen auch die guten alten Sitten und Tugenden hinweggespült hat. Wenn der reißende Strom den Damm durchbricht, wird das morsche Gebäude mit dem guten und festen Hause gemeinsam ein Raub der Wellen. Unter vielem Schutt ist auch begraben der gläubige und bescheidene Sinn unserer Väter, ihre Einfachheit, Sparsamkeit und Zufriedenheit. Ihre Anspruchslosigkeit und Bedürfnislosigkeit mußte den Platz einräumen dem Luxus und der Eitelkeit, dem Wohlleben und. der Genußsucht. Der prunkvolle Zeitgeist hat auch den Ehrbegriff unserer Väter umgcstaltet und den schlichten Handwerker seiner Einfachheit halber degradiert, daß er in gesellschaftlichen Kreisen eine untergeordnete Stellung einnimmt. Rach der modernen Ansicht fängt der Mensch im feineren Sinne des Wortes erst beim Akademiker an, auf den der Zeitgeist das Füllhorn seiner Gnade aus-