Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1910
- Issue
- 11 (6.1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 188 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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188 hervor. In der Wüste errichtete Israel ein prachtvolles Gotteshaus, zu dem viele tüchtige Künstler und Meister erforderlich waren. Es waren nötig Baumeister, Zimmerleute, Tischler, Drechsler, Spinner, Kunstweber, Sticker, Gold- und Silberarbeiter, Färber, Tapezierer u. s. w., und alle diese tüchtigen Werkleute besaß Israel in seiner eigenen Mitte. Es waren lauter israelitische Hände, lauter jüdische Künstler und Meister, welche den stattlichen Bau des Heiligtums aufführten. Mit welcher Anerkennung spricht die Schrift von den Meistern, die das wunderbare Stiftszelt errichteten! Sie. werden Männer weisen Herzens genannt, denen Gott Weisheit ins Herz gelegt hat, und vom Baumeister Bezalel. sagt die Schrift: „Er war erfüllt mit dem Geiste Gottes, mit Einsicht und Erkenntnis und mit jeglicher Arbeit." Während im Altertum die körperlichen schweren Arbeiten den Sklaven überlasien ' wurden, erblickte Israel in der anstrengenden Tätigkeit seinen Stolz und seinen Adel. Hingegen war es verpönt, von der Gelehrsamkeit irgend welchen materiellen pekuniären Nutzen zu ziehen. „Mache die Thora nicht zum Spaten, um damit zu graben; wer von den Worten der Lehre Nutzen zieht, nimmt seinen Lebensanteil von der Welt; wer sich der Krone der Thora als Werkzeug bedient, schwindet dahin." Die Thora wäre ihrer Göttlichkeit entkleidet, wenn sie irdischen Zwecken dienen sollte. Tie großen Lehrer verschmähtenes, die Wisienschaft der Thora materiell auszunühen, und sie wählten ein Handwerk zur Befriedigung der leiblichen Bedürfnisie und zur Erhaltung der Familie. Viele Tanaiten tragen Handwerker-Bezeichnungen, z. B. Rabbi Jochanan der Schuster, Rabbi Josua der Weber, Rabbi Jizchak der Schmied. Rabbi Gamlielsagte zu Rabbi Josua: „Von den Wänden deines Hauses ist erkennbar, daß du ein Köhler bist", und trotzdem stand Rabbi Josua in solch hohem Ansehen bei dem Volke, daß er zum Fürsten gewählt worden wäre, wenn nicht die zarte Rücksichtnahme gegen Rabbi Gamliel das Volk gehindert hätte. In den alten Zeiten wählten die Juden mit Vorliebe das Handwerk, und sie blieben viele Jahrhunderte der productiven Arbeit treu, solange dieselbe ihnen gestattet war. Aber es kam anders! Der Fanatismus, der Judenhaß und der Neid brachten einen traurigen Umschwung in die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisie. Di« Meisterinnungen wollten nicht ihre Gilden durch jüdische Genosien verunreinigt sehen. In enge Ghettos eingesperrt, wurden den Juden alle Menschenrechte abgesprochen, sie wurden ihres Grundbesitzes beraubt, und von allen Berufsarten abgeschnitten, waren sic auf den Handel allein beschränkt. Die ganze Ausbildung des gewerblichen Lebens schloß die Juden von jeder Teilnahme am Handwerk aus, und der Staat ließ ihnen keine anderen Erwerbsquellen, als Schacher- und Geldgeschäfte, worauf sich ihre ganze Erwerbskraft konzentrierte. Merkwürdigerweise wurden die Juden nachher beschuldigt, sie wären Schacherer, Wucherer und Blutsauger, und dieselben Elemente, welche die engherzige judcnfeindliche Politik des finsteren Mittelalters in allen Tonarten verherrlichen, erheben den Vorwurf, daß die Scheu vor körperlicher Anstrengung die Juden vom Handwerk fern halte.