Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1910
- Issue
- 11 (6.1910)
- Date
- 1910-06-01
- Page
- Seite 182 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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183 hebend, das wirtschaftliche Leben der Kolonien sich entwickeln, hie und da Wohlstand aufsprossen und dabei kräftiges jüdisches Selbstbewußtsein gedeihen zu sehen. Welche Herrlichkeit echten jüdischen Lebens aber — ein Vorbild für die ganze Diaspora — könnte erst auf diesem Boden, fern von der europäischen Assimilationsgefahr einerseits, von der drangvollen Not der städtischen Ghettis in Jerusalem, Safed, Tiberias andererseits, sich entfalten —, wenn in den Kolonien Generationen von wahrhaften '52 mn heranblühten, wenn es gelungen wäre oder noch gelingen möchte, einen jüdischen Bauernstand mit gesundem, für den Beruf tauglichen Wisien, vor allem aber von wahrhaftem minn ncS getragen, zu schaffen. Nirgends wären von vornherein die Aussichten für ein solches Erziehungswerk so günstig gewesen wie auf dem jungfräulichen Boden der Kolonien — und doch hatte ich bisher von meinen Ausflügen nichts weiter heimgebracht als das birtere Gefühl — versäumter Gelegenheiten. Wohl hatte sich der ehemalige Jerusalemer Schomre-Thora-Verein mit seinen Chadorim in den Kolonien große Verdienste erworben, aber diese Chadorim konnten nicht nur aus Mangel an Mitteln nicht gedeihen und mußten verkümmern, sondern vor allem deshalb, weil sie nach Lehrplan, Methodik und äußerem Aufbau den Bedürfnissen der Kolonisten, auch der frommen, nicht zu genügen vermochten. So sah es denn aus, als sollte es mit dem jüdischen Wiffen, mit mvi und rwT weiter i"n rapid bergab gehen. Diesmal aber brachte mir meine Reise eine fteudige Ueberraschung. Ganz im Stillen, ohne alle Reklame, sind von gesetzestreuer deutscher Seite in den Kolonien Keime ausgestreut worden, deren zukünftige, mit Gottes Hilfe segensreiche Frucht gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. In Pethach-Tikwa zunächst fand ich die dem Eingehen nahe gewesene Talmud-Thora in völlig veränderter Verfassung. Die Schule fft von der „FreienVereinigung für die Jntereffen des orthodoxen Judentums" in Frankfurt (hier sagt man, meiner Ansicht nach kürzer und schöner: U2B>K2 o'Tinn m"s) übernommen, ausgebaut und in höchst rationeller Weise reorganisiert worden. Der von der Vereinigung hierher gesandte Schulleiter, Herr Dr. Moses Auerbach aus Halberstadt, ftüher Seminarlehrer in Cöln, der bereits jetzt durch seine hervorragenden pädagogischen Fähigkeiten nicht nur, sondern vor allem durch die gewinnende Lauterkeit seines Wesens, wie vermöge seiner tiefen jüdischen und allgemeinen Bildung über den Kreis der Schule hinaus hier begeisternd und festigend wirkt, war so freundlich, mir auf meine Bitte einige Mitteilungen über die Prinzipien und Absichten des von' ihm geleiteten Schulwerks zu machen. Es handle sich darum, allmählich die bestehenden Talmud-Thoras so umzugestalten, daß in ihnen die Zöglinge zu bewußten Jehudim herangezogen werden können, die gründliches jüdisches Wiffen mit den für ihr künftiges Leben notwendigen Kenntnissen der modernen Wirtschaft und Geisteskultur zu vereinigen verstehen. Es handelt sich dabei um ein gewaltig großes Werk: wirklich jüdische Schulen, lediglich mit Rücksicht auf Heranbildung jüdischer Kulturmenschen begründet.