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Jüdischer Volksbote · 1910-06-01 · 11 (6.1910) · p. Seite 180

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1910
Issue
11 (6.1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 180 (sequence 6)
Language
German
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180 Ter gemeinsame Eifer zur Vollziehung der Mizwa, die gemeinsame Scheu vor der Awera, die gemeinsame Liebe, die gemeinsame Furcht Gottes bilden einen prächtigen Resonanzboden, auf dem alle Seiten menschlichen Fühlens und Denkens in herrlichsten Weisen erklingen. Ohne Thorawissen giebt es aber kaum jüdische Erziehung; Erziehung ist Charakterbildung und Charakterbildung setzt Wissen voraus. Heute da gerade uns Juden der Bildungshunger ergriffen hat, mutz sich Charakterbildung mehr wie je auf dem Grunde des Thorawissens erheben. Zu unserm Unglück sind aber viele Eltern in dem Wahne befangen, daß der elementare Religionsunterricht ausreichender sich im Uebersetzen der Gebete und des Chumesch erschöpft. Jeder Unsichtige dagegen weiß, daß in dem harten Kampfe, dem heute unsere Kinder entgegengehen, nur dann eine Aussicht auf Rettung und Sieg möglich ist, wenn die Heranwachsenden Männer von Hause aus den Willen mitbringen, Thorasche balpeh, Raschi, Mischna usw. zu lernen, Raschi insbesondere, von dem Ramban sagt, er ist ein Speicher, vollgepropft mit allen Perlen der Weisen. „Du sollst deinen Kindern die wichtigsten Grundsätze einprägen", den Knaben und Mädchen — dieses Thorawort gilt in den Schulen Deutschlands als Losung. Du sollst sie (die Thora) deinen Söhnen lehren", daß sie ihre Vorschriften auswendig kennen, das ist die Kost, diewirfürs Leben brauchen. In unseren heiligen Schriften ist ein reicher Schatz von Lebensweisheit und Lebenserfahrung niedergelegt, eine Menge Wegweiser sind in ihnen aufgestellt, Welt- und Menschenkenntnis zu erlangen. Glücklich, wer seine Kinder sich an diesen Schätzen bereichern, sie von diesen Wegweisern führen läßt. Sie werden im Leben einen großen Vorsprung vor ihren Nebenmenschen haben, und sie können ihn wohl nötig haben. Vor einigen Tagen hat auf dem evangelisch-socialen Congreß einer der hervorragendsten Vertreter der protestantischen Theologie, Professor Harnack, etwa folgendes gesagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" bildet immer noch die Grundlage unseres socialen Lebens. Aber dieser eine Satz ist nur Ausgangspunkt, der Grund der Verpflichtung. Was wir brauchen, das ist die casuistische Codisizirung der N ä ch sten l i c b e.*" Auf gut jüdisch übersetzt, heißt dies: Was wir brauchen, das sind v ':' i, Detailvorschriften über mildtätiges Wirken. Nun, diese D i n i m über Zedoko und Gemilus-Chcssed, wie über andere Bereiche menschlicher Tätigkeit, sind in unserer Thora in lichtvoller Klarheit zusammengestellt und harren der Lernenden. Und das Merkwürdige, das ist, daß alle diese Lehren und Vorschriften, Erklärungen, Grundsätze und Beispiele im Glanze der Jugend erstrahlen, daß alle diese Weisheit, trotz ihres ehrwürdigen Al- * d. h. die Knwrndung der Grundsätze in gesetzlichen Linzeivorschriften.

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