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Jüdischer Volksbote · 1910-06-01 · 11 (6.1910) · p. Seite 179

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1910
Issue
11 (6.1910)
Date
1910-06-01
Page
Seite 179 (sequence 5)
Language
German
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179 Gott dem Menschengeschlechte verliehen hat, den Adel geistiger und sittlicher Vervollkommnung. Das Lernen! Das Lernen der Thora ist unsere höchste Aufgabe. Solange Israel Thora lernt, ist es gewappnet gegen Verfolgung und Tod. Leiden werden es läutern, nie zermalmen. Die Thora bewährt ihren göttlichen Ursprung unter anderem auch dadurch, daß sie diejenigen, die in ihr lernen, zu sittlichen Persönlichkeiten erzieht. Lange Zeit gab es in den Lehrhäusern Israels einen Streit darüber: Was ist besser? Das Lernen der Thora oder das Erfüllen der Thora? Bis man endlich zu der Entscheidung kam: das Lernen verdient den Vorzug, denn es führt zur Tat. Lerne und lasse das Saatkorn der Thora auf den fruchtbaren Boden des jüdischen Herzens fallen. Die Kräfte, die das Saatkorn zur reifen Frucht der Tat heranreifen lassen, wirken von selbst mit der Notwendigkeit einer Naturkraft. Wie befremdlich und doch wie natürlich kommt uns, den Jüngern der Thora, die Klage vor, die aus den Tageszeitungen und den Versammlungen großer Körperschaften uns entgegenschallt: die moderne Schule vermittle das Wissen, lege aber wenig Sorgfalt auf die Entfaltung der Persönlichkeit. Die jüdischen Eltern, die ihre Kinder in die Hallen der Thora führen, werden diesem Fehler aus dem Wege gehen. An der Thora, von gottcsfürchtigen Lehrern vorgetragen, haben sie eine unfehlbare Erziehung gewonnen. Die Thora redet die Sprachen aller Lebensalter, die Sprache des Kindes, des Jünglings, des Mannes. Die Stimme Gottes fließt mild und sanft dahin, wie ein ruhiger Bach, die Stimme Gottes sprüht Feuerflammen der Begeisterung und reißt des Jünglings glühende Liebe hin zum Guten und Edlen, die Stimme Gottes zerschmettert - im Manne die Zedern des Stolzes, die wilden Triebe der Selbstsucht und beugt den Familienvater in Demut vor seinem Schöpfer. Das Wort Gottes wird vom Kinde mit Liebe verschlungen und bietet dem greisen Gelehrten ungelöste Rätsel. Das -Wort Gottes ertönt in Kraft und Schönheit, es ergreift das Herz und erwärmt die Seele für Liebe und Gerechtigkeit. Darum reicht keine Erziehungskunst an das Wort Gottes heran, darum hat sich unter dem Zauber des göttlichen Wortes die Allmut des jüdischen Familienlebens entwickelt. Soviel auch vom Strom der Zeit von unserem heiligen Erbe fortgerissen worden ist, die Innigkeit und Herzlichkeit zwischen Eltern und Kindern ist im großen und ganzen geblieben. Sind etwa unsere jüdischen Väter und Mütter so ausgezeichnete Erziehungskünstler? Die Thora ist es, die dxn Hauptteil der Arbeit leistet, sie erzieht uns unsere Kinder und läßt sie mit Ehrfurcht zu uns emporschauen. Uebev das Weltmeer hinaus reicht das Band, das die ersten Eindrücke gewebt haben. Es ist kein Zweifel:

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