Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Volksbote · 1910-04-01 · 10 (4.1910) · p. Seite 174

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1910
Issue
10 (4.1910)
Date
1910-04-01
Page
Seite 174 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/4903180-5965937-5965962--229-4903393
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

174 battim, die am Rathausbänkchen gemütlich im Geplauder versammelt waren. Da bewunderte man die blütenweißen Hemdärmel und die feingeftärkten Bindchen, die Scheiuchen ihrem Manne mit besonderer Sorgfalt zu bügeln verstand. — Am Sukkaus war die Sehnsucht nach dem Heimatsdorfe mit besonderer Stärke wach geworden. Er sehnte sich nach einer Dorfsukkoh, an der man den Reiach hassodeh (Geruch und Dust des Feldes) verspüren konnte. Die Snkkoh im Gasthofe zum Adler in G., in der er am ersten Sukkaus-Abend Schehechejonu machte, konnte Wertheimer nicht gefallen. Da hing keine Kette aus Hagebutten, die von der kunstfertigen Hand eines Kindes hergestellt war. Da waren keine Aepfel, keine mit Silberpapier umwickelten Nüffe, keine Trauben, keine Kürbisse . . . „Einen flachen Weihnachtsbaum mit Glaskugeln u. s. w." nannte Martin Wertheimer die Sukkoh vom „Adler." Aber jetzt ist Chanukoh und jetzt ist er zu Hause, ja zu Hause bei seinem Bruder Awrohom. Viele Beiersheimer kannten den früheren Parnes kaum wieder . Er hatte sich auch sehr verändert. Der sonst bis auf die Brust herniederwallende graue Bart war in G. kunstgerecht ä la mode fast auf den Urzustand gestutzt worden und wer in dem tränengemeißelten Gesichte umherspähte, der konnte die Spuren von sieben Jahren des stillen Kummers ablesen. Noch hat Wertheimer kaum den Reisestaub abgeschüttelt, da wird es auch Zeit, zum Minchoh-Gottesdienste zu gehen. Und da steht sie auch noch die langentbehrte Synagoge und vor ihr der'alte, wiuterkahle Nußbaum. Als hätte dieser einen langgesuchten Freund wiedergefunden, so ueigen die dürren bemoosten Aeste, freudig erregt, ihre Köpfe aneinander zum lispelnden Gespräche. Dann eilt das Brüderpaar in die Stille de- Gotteshauses. Und laut ruft's mit freudiger und lränenerstickler Stimme: „Ma tauwu auholecho jaakauw . . . Noch liegt auf dem alten Platze die staubumhüllte alte Tefiloh. In trauriger Ruhe lag sie unbenutzt da. Ja, es ist seine Tefilloh, er kennt sie noch und bemerkt auch auf dem Deckel, daß er auch einmal Modche hieß. — Schon steht der Chasen mit dem Schameslichten vor der silbernen Menanroh. und mit seiner schönen und vollen Tenorstimme jubelt er begeistert die B'rochoh von Scheoßo nissim laawauseinu . . . Ergriffen steht Wertheimer in heiliger Andacht da. Ein kaltes Herz hätte vielleicht jetzt philosophiert und zwar: „Der Wunder getan hat an unseren Vätern ... bis in diese Zeit. „Ist etwa das Wunder gemeint, daß die Tochter vor dem Vater geboren wird, daß die Tochter, die doch sonst vom Vater ihren Namen erhält, in der neueren Zeit Taufpatin ist beim väterlichen Rufnamen und dem Vater den allerherrlichsten urgermanischen Namen gibt?!. Am Abend wird gespielt. Lustig dreht sich der Drendel, begierig verfolgt von den Blicken der munteren Kinderschar. Vergnügt sitzen die Herrn und Damen, Alt und Jung in der jüdischen Wirtschaft. Des Tages Mühen und Lasten sind vergessen — hier feiern fröhliche und vor allem zufriedene Menschen ihren Chanukoh. Denselben Scholaum findet — nennen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.