Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1910
- Issue
- 10 (4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 173 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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173 t»er verkehrsreichen Großstadt gefangen, und schon seit sieben Jahren hat '■et der Seufzer viele um einen vermehrt, die aus dem geräuschvollen Durcheinander des Glückes und des Leides, der Freuden und der Schmerzen hinaufgeweint werden zum himmlischen Vater. Vermeintliche Schuld der Kinder Wertheimers an konventionelle Pflichten hatten den alten Vater vor sieben Jahren aus seinem Elemente herausgeriflen, hatten ihm den Boden geraubt, auf dem allein er nur leben konnte, hatten ihn weggerissen aus seinem Heimatsdorfe, das ihm heilig war und das ihm die Zufriedenheit eines einundsechzigiährigen Lebens geschenkt hatte. Der gute Ton erheischt es ja. daß der Herr Papa und die Frau Mama in der Großstadt wohnen. Die Herkunft aus einem weltentlegenen Dörfchen läßt sich dadurch leicht verdecken. Scheinchen Wertheimer geb. Rosenblatt schlummerte bereits in der kühlen Erde von Beiersheim, — den tiefbetriibten Gatten brachte man zu sich in die Großstadt' Wenn dann der heilige Schabbos seinen bezaubernden und feierlichen Frieden auf die jüdische Welt herniedersenkte und ein geheimnisvolles Säuseln von Schabbosrnhe die ganze Natur durchzitterte, — daun klagte der alte Wertheimer in dem eleganren Salon seiner verheirateten Tochter: „Keinen Schabbos und keinen Jomtof habe ich mehr." Seine Religion hat er als Sckiffbrüchiger des Lebens mit in das moderne G. gerettet. Dem Gottesdienste in dieser Stadt blieb er fern, da derselbe vorzugsweise aus Orgelton und Predigt bestand. Nur an den Jomim hanauroim konnte er in einer Privat-Synagoge als geduldeter Gast am Gebete teilnehmen. Da war er nicht der Parnes von ehedem, der die Mitzwaus verteilte und in gerechtem Wohlwollen jeden der Reihe nach mit dem „Aufrufen" beehrte. Hier stand er als Bittender, — niemand aber verstand das herzinnige Verlangen dieses frommen Mannes, der so gerne wieder einmal nach den Jahren der Entsagung sein Borchu vor der Thora gesprochen, — vielleicht auch geweint hätte. Wie viele der liebgewonnenen Gepflogenheiten mußte Martin Wertheimer aufgeben! Das Pfeife - Rauchen wäre auch eine Todsünde gewesen bei den kostbaren, aus feinstem Tüll hergestellten Gardinen, bei den im vollendetsten Rokokostil gehaltenen Möbeln und den teuren Bildern berühmter Meister. Bei all dem glaubte |bie So^er, Frau Thal, der Vater befinde sich schon auf Erden in Gan-eiden, — pardon, dieses Wort steht ja nicht im Wörterbuch von Frau Thal, — also sagen wir im Paradiese. Wenn Parade im Hause Thal war, das heißt, wenn bei den Kränzchenabenden, die man als gebildete Leute veranstalten mußte, an den materiell Gesegneten von G. der Reichtum der Familie Thal defilieren mußte, dann sollte auch der alte Herr anwesend sein. Blinde Liebe zu seiner Tochter hatten den alten Wertheinier zu einem willenlosen, gefügigen Werkzeug gemacht. Welchen Zwang iu der Garderobe mußte er sich bei solchen Gesellschaftsabenden auferlegen! Da durste nicht das Allerneueste der Mode fehlen. Ein lebendes Modell der neuesten Saison war dann der alte Wertheimer aus Beiersheim. Wie anders waren doch die Zeiten, wo er auch nobel gehen durfte — nach seiner Art. Wenn in Beiersheim am Jomtof die Mittagsmahlzeit beendet war, dann ging er ohne Rock, mit seiner Pfeife ausgerüstet, stolz wie ein, König zu den Baalei