Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1910
- Issue
- 10 (4.1910)
- Date
- 1910-04-01
- Page
- Seite 175 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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175 wir ihn wieder bei seinem früheren Namen — Modche auch wieder am Schabbos. Wie früher, ist auch heute noch an diesem Tage die Grombachcr Chaussee von jüdischen Spaziergängern belebt. Wie schon vor fünfzehn Jahren sind auch an diesem Schabbos die Baalei habbatim bei Likisch Wolf versammelt, der durch ein altes Bcinleiden in die vier Wände seines Wohnzimmers gebannt ist und arm und ohne Brnder und Schwester, ohne Weib und Kind in der Well verlassen dasteht. „Eine Keneisioh le schcim schomajim, eine Gott wohlgefällige Versammlung denkt Modche Werlheimer. Da sitzen . sie und jedes . von ihnen will etwas auf die laufende Sidrah wissen. Besonders gerne hört man Likisch zu, der im Laufe der Woche reichlich Stoff aus alten Seforim gcsamnielt hat, und nun schöne M idrdschim n. s. w. erzählt. Und wer nntersttttzt den armen, hilflosen Mann? Likisch weiß es nicht. Aber der Lehrer könnte es sagen. „Jisrocil arciwim seh b'seh." Jeder Jehudi muß für den andern eintrcten," hatte ja der Lehrer so oft beim Schiur gelernt. „Wie anders sind die Städter" nieinl Modche. Er ist gerührt von dem schönen Frieden in der Gemeinde. Sic alle sind zufrieden. Der Lehrer zeigt immer noch die gleiche gotlvertranende Zufriedenheit, obwohl er im Gehalte nur von Mk. l I 50 auf Mk. 1200 gestiegen ist, dagegen sich die Zahl seiner Sprößlilige mit drei vermehrt hat. Sein Bruder Abrohoni, seine Chaweirim Isaak Kahn, Simche Adler alle sind dieselben geblieben. Nur er ist ein anderer geworden ... Nachdem sich Modche Werthejmcr von seinem Bruder verabschiedet hat, wandert er allein — er wollte keine Begleitung — der Station zn. Noch einmal blicken die träiieiinnischleiertcn Augen wehniutsvoll Gis das schöne Dorf zurück und dann gehis durch die winterlichen Flnteiu lCier und dort grüßen noch Dorflente den braven Modche und erkundigen sich mit sichtbarer Teilnahme nach seinem Wohlergehen . . . Ans dem Reiche der Vergangenheit tauchen Erinnerungen entschw»»deiieii Glückes auf. Wie oft ist er diese Straße an der Seite seiner seligen GestOn gegangen! Wie froh war er, wenn er nach des Tages Arbeit an kühlen Somiiierabeiideii mit Scheinchen spazieren gehen konnte! Die abendliche .Natur entfaltete dann ihre herrlichsten Reize. Berg und Tal, Flur und Wald zollten ihren Tribut. Die Nachtigall sang ihre süßen Weisen und auch die uiiiiiusikalische Vogelgeivalt piepte ihren Gnte-Nacht-Grnß. Dann goß der Mond sein goldenes Licht auf die dichtbelaubten Bäume, leichte Nebel entstiegen den duftenden Wiesen, und neckend strich der Wind über das Meer der vollen Aehren. Wie flutete dann der Segen des Landes nm ihre Sinne, wie gehoben war dann die Stiinmniig, wie feierlich und heilig, wie jubelte es ans den Saiten der Gattenhcrzen: „Zufrieden," und jetzt . . . Der Schmerz um verlorenes Glück kleidet den Gedanken in Worte und weinend entringt sich's der Brust, Und jetzt . . . heimatlos . . . Inhalt: l. Elijahn. — 2. AnS der Sitzung der ,(fonimissioii für ländliche Wohlfahrtspflege". — 3. Erew Peßach am Sabbaih. — 4. Das Handwerk im Judentum. — 5. Hygienische Betrachtungen. — G. Tante Sara an ihre Nichte Null). — 1. Beim preußischen Knegsminister. — k>. Keine Heimat.