Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Volksbote · 1910-04-01 · 10 (4.1910) · p. Seite 167

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1910
Issue
10 (4.1910)
Date
1910-04-01
Page
Seite 167 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4903180-5965937-5965962--222-4903386
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

167 über Langeweile liefern uns den besten Beweis, daß der Mensch sich selbst zur Last lallt, wenn er untätig bleibt. Der dunkle, mächtige Naturtrieb wird kräftig unterstützt durch die Anforderungen deS sozialen Lebens und durch die Vorschriften der Religion. Jeder Mensch hat als gesellschaftliches Mitglied der großen Menschenfamilie einen bestimmten Benif zu erfüllen, der ihn befähigt, ohne fremde Fürsorge auS eigener Kraft ein unabhängiges, menschenwürdiges Dasein zu führen. Zur Erhaltung der sittlichen Weltordnung hat jeder Mensch durch vie Wahl eines Lebensberufes im Haushalte der Natur eine bestimmte Aufgabe, die er tüchtig und würdig lösen soll. Arbeit ist deS Menschen Los. Arbeit Inhalt seines Daseins. Seit Urbeginn deS Menschengeschlechtes wird ihm von der Bibel Arbeit als Lebensweg vorgezeichnet. Während uns die Phantasie von dem paradiesischen Leben ein Bild des Schlaraffenlandes entrollt, wo man sich in ungestörter Ruhe und Freude dem Nichtstun hingeben kann, entwirft uns die heilige Schrift ein anderes' Gemälde von dem dortigen Leben. „Gott setzte Adam in den Garten Eden, um ihn zu bearbeiten und zu bewachen", und als die Pforten des Paradieses sich hinter ihm schloffen, wurde ihm Arbeit als Mittel zur Wiedererlangung der, Gottesnähe gegeben, wie die Schrift sagt: „Gott schickte ihn fort vom Garten Eden, »m zu bearbeiten den Erdboden, von dem er genommen ward". Als Gott — so erzählen unsre Weisen -- zu Adam sprach: „Dornen und Disteln soll Dir die Erde ivachsen laffen und Du wirst effen das Kraut des Feldes", da zerflosien seine Augen in Tränen, und er sagte: „Herr der Welt, soll ich mit meinem Esel aus einer Krippe gemeinsam zehren?" Als Gott ihm darauf sagte: „Im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Brot effen", da beruhigte sich der erste Menscki." Arbeitsfähigkeit ist der Vorzug des Menschen vor dem Tiere, Arbeit kräftigt den Körper und erhält die Frische des Geistes- Das jüdische Schrifttum ist voll des Lobes der körperlichen Arbeit: ihr hoher sittlicher Wert wird uns durck, zahlreiche Aussprüche im Talmud veranschaulicht. Zur Illustration will ich einige Stellen hier anführen. „Wer den mühevollen Erwerb seiner Hände genießt, ist größer als der bloS GotteS'ürchtige, von dem nur gesagt ist: „Heil dem Manne, der Gott fürchtet": wenn Du aber die Arbeit deiner Hände genießest, daun heil Dir und wohl Dir, heil Dir in dieser Welt und wohl Dir im künftigen Leben". „Liebe die Arbeit und Haffe die Würde". „Jede Thora, mit der keine Arbeit verbunden ist, wird nutzlos und ziehr Sünde nach sich". Die Thora würde durch ein Bündnis gegeben, und in dieses Bündnis hat Gott die Pflicht der Arbeit eingeschloffen, wie die Schrift sagt: „Sechs Tage sollst Du arbeiten und alle Deine Werke verrichten". „Groß ist die Arbeit, sie ehrt ihre Herren". „Lebe am Sabbath so cinfach wie an Wochentagen, um nicht der Welt zur Last zu fallen". „Finster ist die Welt um den, der auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen ist". „TaS Leben Dreier ist kein Leben. Wer von körperlichcu Leiden oft heimgcsucht ist, wer von seiner Frau beherrscht wird und wer die Unterstützung der Mitwelt in Anspruch nehmen muß". Keine Arbeit, keine Beschäftigung ist gering, wenn sie Brot in Ehren gibt, und selbst die niedrigste Arbeit entwürdigt nicht, wenn sie den selbständigen redlichen Erwerb vermittelt. „Ziehe dem toten Vieh auf offener Straße das Fell ab und nimm Lohn dafür, sprich aber nicht: „Ich bin vom priestcrlichen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.