Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1910
- Issue
- 9 (2.1910)
- Date
- 1910-02-01
- Page
- Seite 155 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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155 großen jüdischen Gemeinde, und stand als solcher speziell bei dem ärmeren Teile der Gemeinde in hoher Liebe und Verehrung. 1 Einer seiner jungen Leute unterbrach ihn in der Arbeit mit der Meldung, daß Abraham Pollack ihn zu sprechen wünschte. „Lassen Sie ihn hereinkommen," sagte Herr Meyer. „Nun, was bringt Ihr, Awrom," rief er dem Eintretenden entgegen. „Die Zeiten sind schlecht und der Verdienst geringe; ich soll mich wohl ins Mittel legen, um das Gleichgewicht zwischen Euren Einnahmen und Ausgaben einigermaßen herzustellen. Ist es nicht so?“ „Ich habe eine große Bitte, Herr Meyer," sagte Pollack. „Ich bin ein armer Mann und weiß mit Geld nicht umzugehen; da wollte ich Sie bitten, mir behülflich zu sein." , Herr Meyer blickte den Sprechenden fragend an. Er war wohl gewohnt, seinen Pflegebefohlenen mit Geld beizustehen, daß er ihnen aber in dem Belegen von Geldern behilflich sein könnte, das war ihm ganz neu. Awrom aber bemerkte diesen Blick nicht. Ohne sich in seiner würdigen, gehobenen Haltung, die ihn heute besonders auszeichnete, stören zu lassen, fuhr er fort: „Mir ist ein großes Glück vom Himmel beschieden, Herr Meyer. Ich habe in der Lotterie ein Viertelchen gespielt und bin mit einem Gewinne von tausend Talern auf meinen Teil herausgekommen. „Was, ihr habt tausend Taler gewonnen" rief Herr Meyer freudig aus. „Nun, das freut mich ganz ungemein. Ihr verdienk es wahrhaftig. Ich gratuliere von Herzen. Was wollt Ihr aber mit dem vielen Gelde anfangen?" „Deswegen komme ich gerade zu Ihnen. Ich wollte Sie bitten, mir das Geld aufzubewahren, es ist nirgend so sicher, wie hier," sagte Awrom und zog ein Päckchen Kassenscheine ans der Tasche. „Zwanzig Thaler habe ich für die nötigsten Bedürfnisse im Hause zuriickbehalten; fünfhundert Thaler möcht' ich gerne sicher anlegen, bis mein Sarchen zu Gesund Kalle wird. Dann aber möchte ich Sie bitten, hundert Thaler als Mäaßer meinem Freunde Schmul Gans zu geben. Das ist ein sehr braver Mann dem es leider auch nickt zum Besten geht. Das Uebrige will ich »ach und nach in meinem Geschäfte gebrauchen, und will von Ihnen immet so viel holen, wie ich gerade nötighabe. Lassen Sie aber Gans nichts ,merken, von wem die hundert Thaler kommen. Ich habe nicht gerne, wenn in der. Kille davon geredet wird." „Jawohl, lieber Awrom, das nfill ich tun, antworrete Meyer, indem er eine Quittung über das ihm eingehändigte Geld ausstellte. „Sagte ich es nicht vorher, Ihr verdient das Glück. Gott weiß sehr wohl, wem er es zuschickt." Herr Meyer ging zur Tür und gab den Auftrag, Schmul Gans rufen zu lassen. Unter vielen Danksagungen entfernte sich Pollack. Bald darauf trat Gans, den wir bereits bei Herr» Pollack gesehen, haben, in's Zimmer. I