Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1910
- Issue
- 9 (2.1910)
- Date
- 1910-02-01
- Page
- Seite 153 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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153 seinem Leibblatte sich mit ihm beschäftigt hatte, der „mysteriöse Herr Oppenheimer" genannt, war der Beris, zu Deutsch die „Mohlschaft" übertragen. Beim Brismahl wandte sich das Gespräch wieder den öffentlichen jüdischen Angelegenheiten zu. Herr Oppenheimer wunderte sich, daß die Leute in Mathildens Wohnorte so wenig von denselben wußten. „Ja, lest Ihr denn kein jüdisches Blatt? Das ist doch heutzutage sehr notwendig, Ihr müßt doch im Zusammenhang mit den übrigen' Juden bleiben «nd an deren Ergehen, an ihren Leiden und Freuden teilnehmen. Gerade gegenwärtig gehen Dinge vor, die Euch auch noch berühren werden, und da werdet Ihr nicht wiffen, wie Ihr Euch zu verhalten habt, und seid immer auf das angewiesen, was man Euch vorredet, und könnt nie mit gutem Gewiffen und in voller Sachkenntnis Stellungnahme üben." „Ja welche Zeitung sollen wir denn halten?*, rief es aus dem Kreise. „Vor allem nehmet Ihr kein solches Blatt, welches das bekannte Badische Oberrats-Gebetbuch verteidigt und anempfiehlt oder das darüber jammerr, daß unsere jüdischen Kinder, welche die allgemeinen Schulen besuchen, nicht dazu gezwungen werden, an Weihnachtsfeiern, Reformationsfesten und dergl. teilzunehmen." „Was! erscholl es von dem Tische, „darüber führt ein jüdisches Blatt Klage? Sie werden sich versprochen haben, Herr Oppenheimer!" „Nein," entgegnete dieser, „es ist Tatsache, was ich sage, eine Zeitung hat sich darüber beklagt, daß. man die Judenkinder nicht zwingt, an Weihnachtsfeiern sich zu beteiligen. Der betreffende Artikel stammt von einem Manne, der eine ziemlich große Stellung einnimmt, er ist Universitätsprofeffor in Berlin, Geh. Regierungsrat, und sogar maßgebendes Mitglied des Vorstehercollegiums der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands! Nun, es ist Ihm auch gründlich heinigeleuchtet worden. Nicht allein die jüdischen Zeitungen haben ihm dies besorgt, sondern auch große Versammlungen in Berlin selbst, wo sehr kräftige pute Worte gefunden wurden." „Dieser Professor sollte wegen Hochverrats aufgeknüpft werden," rief entrüstet der temperamentvolle Bruder Mathildens, der eben vom Miltär zurückgekommen war, „Nun," sagte Freund Oppenheimer, was würdet Ihr auf eine solche Frage, wie sie der „Geheime Regierungsrat" angeschnitten hat, entgegnen?" Der eine sagte dies, der andere jenes. „Sehet," sagte Oppenheimer, „wie notwendig es ist, daß Ihr alles wißt, auch hier in Eurem Dörflein, daß Ihr aus den Zeitungen erfahret, was man den Leuten k la Geiger zu antworten hat. Das lernt man so nach und nach aus einem gut geleiteten Blatt, das einen festen, entschiedenen Standpunkt vertritt. Aber da taugen auch solche Blätter nicht, die fast nur vom Antisemitismus sprechen, sehr sorgfältig berichten, wo und wann irgend ein Jude eine Medaille oder einen Orden sechster Güte oder irgend eit. Geldmann, der dem Judentum so fern wie möglich steht, den Kommerzienrat-Titel erhalten hat. Ihr müßt rin Blatt haben, wie den „Israelit," das auf positiveu Judentum fußt, vorzügliche Artikel belehrenden Inhalts aus dem Gebiete der Thora, der jüdischen Wiffenschaft bringt, welches die Tagesereignisse nicht allein berichtet, sondern auch bespricht, das den Finger auf eiternde und schmerzende Wunden legt, »nd das nicht um die Dinge mit nichtssagenden Redensarten herumgeht.