Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1910
- Issue
- 9 (2.1910)
- Date
- 1910-02-01
- Page
- Seite 148 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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148 Eine Reorganisation derTalmud-Thora-Schulen hätte znr Voraussetzung, daß in keiner Weise und in keiner Beziehung die bisherigen religiösen Anschauungen, die in diesen Schulen gepflegt worden sind, angetastet werden. In religiöser Beziehung hätten diese Schulen zu bleiben, wie sie sind; es kann sich nur darum handeln, neben die bisherige religiöse Unterweisung, eine Reihe von weiteren Disziplinen zn setzen, die es den jungen Leuten, ermöglichen, sich selbständig im späteren Leben ihr Brot zu erwerben. Da die Juden, von den verschiedensten Weltgegenden zusammengeströmt, sich vielfach nicht miteinanander verständigen können, so wäre in Anknüpfung an die religiöse Unterweisung dem hebräischen Unterricht eine solche Ausdehnung zu geben, daß die Schüler des Hebräischen sich zugleich als einer lebendigen Sprache im täglichen Verkehr bedienen können. Neben das Hebräische hätte die Erlernung der Landessprache — in gewissen Teilen des Orients, des Türkischen, in andern des Arabischen — unter Umständen auch beider Landessprachen, zu treten. Hierzu käme die Erlernung von Realien. Eine europäische Sprache wäre zunächst auszuscheiden als für die große Masse der jüdischen Bevölkerung nicht durchaus erforderlich. Es wäre der größte Wert darauf zu legen, daß dieser Lehrplan von geeigneten Lehrkräften mit genügender pädagogischer Vorbildung zur Durchführung gelangt. Denn nur unter dieser Voraussetzung ist zu erhoffen, daß auf Grund des obigen zweckmäßigen Programms, auch die Schüler in zweckmäßiger Weise vorgebildet werden. Es erscheint dabei durchaus selbstverständlich, daß zur Anstellung au den Talmud-Tora-Schulen nur solche Lehrer gelangen, die in religiöser Beziehung das Vertrauen der Eltern der Schüler genießen." Eine Subvention unsres Schulwerkes durch den „Hülfsverein" kann mit Rücksicht auf die starke Inanspruchnahme des letzteren erst für später in Frage kommen; es galt und gilt, die erforderlichen Mittel selbständig aufzubrinen, sodaß auch die Lehrer das Bewußthaben, im Dienste einer ausgesprochen gesetzestreneu Körperschaft zn stehen. Im folgenden soll nun kurz angegeben werden, wie sich das Schulprogramm der „Palästina-Commission" im einzelnen gestaltet, und welche Teile dieses Programms ihrer Verwirklichung bereits nähergeführt sind. a. Städtische und ländliche Talmud-Tora-Schulen, Sowohl aus innern Gründen, als auch aus finanziellen Rücksichten schien e8 zweckmäßig, mit dem Reorganisationswerk nicht auf dem heißen, vom Kampf der Parteien unterwühlten Boden Jerusalems zu beginnen, sondern an andern Orten. Es wurde dazu dir größte der Kolonien. Pethach-Tikwa, gewählt. Dort hat der Leiter unsres Schulwerkes, der von uns nach Palästina entsandte Seminarlehrer Dr. Moses Auerbach auS Köln seinen Wohnsitz genommen, um zunächst die dortige Talmud-Thora im Wesentlichen nach den