Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1910
- Issue
- 9 (2.1910)
- Date
- 1910-02-01
- Page
- Seite 147 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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147 Unter diesem Gegensatz aber muß sowohl das Judentum als die sittliche Wohlfahrt des Ganzen schwer notleiden. In der Erkenntnis, daß es einer prinzipiell auf dem Boden des oltüberlieferten Judentums stehenden Körperschaft, wie der unsrigen om ehesten gelingen könne, in friedlicher Arbeit das Mißtrauen der palästinensischen Gesinnungsgenoflen gegen die Kultur zu überwinden, hatte die Palästina-Commission der Freien Bereinigung schon vor zwei Jahren den Beschluß gefaßt, sich dieser bedeutungsvollen Aufgabe zu widmen und vor allem der Errichtung gut organisierter, mit p r o - fanem Unterricht ausgestatteter Talmud-Thora-Schulen. für die strengreligiösen Volkskreise näherzutreten. Die Richtigkeit ihrer Auffassung und ihrer Absichten wurden kurz darauf in überraschender Weise durch eine Anregung bestätigt, mit der im April 1908 einer der berufensten Kenner der palästinensischen Vcrhältniffe, Dr. Paul Nathan, an ein Vorstandsmitglied der »Freien Vereinigung, Commerzienrat George Marx in Königsberg herantrat, und die ebenfalls von der Überzeugung ausging, daß gerade von einer Reform des Talmnd-Thora-Schnlwcsens die Zukunft der Heranwachsenden Generation in wesentlichem Maße abhängig sei. Diese Anregung führte zu weiteren Verhandlungen über den Gegenstand zwischen Herrn Dr. Nathan und dem Vorsitzenden unserer Paläuina- Comniiffion, in' deren Verlauf' der erstere seine Anschauungen, die den unsrigen sehr nahe verwandt waren, ausführlich entwickelte. Das von Herrn Dr. Nathan ausgearbeitete Expose, das die Grundlage der Verhandlung bildete, lautere in seinen wesentlichen Teilen wie folgt: »Die Zukunft der jungen Generation wird wesentlich von einer Reform der dortigen Talmud-Thora-Schulen abhängig sein. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß die mohammedanischen Länder unter türkischer Herrschaft sich in wirtschaftlichem Aufschwung besinden Dieser Aufschwung wird beschleunigt werden durch den Ausbau der Eisenbahnlinien in der Türkei, der jetzt unmittelbar bevorsteht. Griechen, Armenier, Bulgaren rc. rc. machen die größten Anstrengungen, damit ihre Volksgenossen sich in einer geistigen Verfassung befinden, um an der allgemeinen Entwi-lung des Orients in entsprechender Weise teilnehmen zu können. Wenn nicht von jüdischer Seite in der gleichen Richtung mit großer Energie vorgegangen wird, so wird es unabwendbar sein, daß die jüdische Bevölkerung des Orients zum Bettelproletariat herabsinkt. Da ein großer Teil nnserer Glaubensgenossen im Orient den Cheder uud die Talmud-Thora-Schnle besucht, so wird es von entscheidender Bedeutung sei», diesen Instituten «ine derartige Reorganisation angedeihen zu lassen, damit die jungen Leute, die sie besuchen, über jene Kenntnisse verfügen, um an dem wirtschaftlichen Leben der Länder, in denen sie sich befinden, teilnehmen zu können. Bisher bietet der Cheder und die Talmud-Thora-Schule diese Voraussetzungen nicht: diese Tatsache als allgemein bekannt bedarf keiner weiteren Erläuterung.