Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Volksbote · 1910-02-01 · 9 (2.1910) · p. Seite 146

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1910
Issue
9 (2.1910)
Date
1910-02-01
Page
Seite 146 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4903180-5965937-5965961--196-4903361
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

146 seitdem in dem großen russischen Ghetto Tod und Verderben die Bewohner tagtäglich bedroht, zur Zufluchtsstätte für Tausende geworden, sodaß jetzt 80000 jüdische Seelen, wovon 50000 in Jerusalem, die alte Heimat bewohnen, und ein rapides Wachstum dieser jüdischen Bevölkerung mit Sicherheit zu erwarten steht. Dieser zunächst nur als quantitatives Mpment in die Erscheinung tretende Wechsel der Verhältnisse hat auch den Charakter der Bevölkerung und damit die ganzen Bedingungen ihrer wirtschaftlichen und sittlichen Wohlfahrt von Grund aus verändert. Waren es früher so gut wie ausschließlich ältere, von tiefer Religiosität erfüllte Personen, die ihren Lebensabend im heiligen Land zubringen und in seinem Erdboden die letzte Ruhestätte finden wollten, so kann heute, wie ein Blick auf die bloße Ziffer beweist, keine Rede mehr davon sein, Palästina ausschließlich als ein Pensionopolis für die Schiffbrüchigen des Lebens oder für auserwählte, ganz den Studien hingegebene Gelehrte ansehen und behandeln zu wollen. Die alten Methoden der wirtschaftlichen Fürsorge sowohl wie die der geistig-religiösen Erziehung müssen vielmehr den tiefgreifenden, Wandlungen der Lage gegenüber mit Naturnotwendigkeit völlig versagen. Das hat, soweit die wirtschaftliche Seite des Problems in Frage kommt,die seit 100 Jahren an der Spitze aller Palästina-Arbeit stehende „Deutsch-Holländische Palästina-Verwaltung" zu einer durchgreifenden Reorganisation ihres Hilfswerks veranlaßt, wobei im wesentlichen die von der Palästina-Commisiion der „Freien Vereinigung" aufgestellten Grundsätze Verwirklichung gefunden haben. Nicht minder wichtig aber und mit der Lösung des wirtschaftlichen Problems aufs innigste verknüpft, ist die Frage der zweckmäßigen Erziehung und Bildung der jüdischen Jugend in Palästina. Hier bieten sich nun ganz eigentümliche Schwierigkeiten. Wohl widmen sich seit Jahrzehnten eine Reihe westeuropäischer jüdischer Körperschaften mit größerem oder geringerem Erfolge der Ausbreitung der europäischen Kultur im heiligen Lande durch die Gründung und Erhaltung von Schulen aller Art. Allein bei dem starken — und angesichts der religiösen Entwicklung des westeuropäischen Judentums psychologisch nur zu gut begreiflichen — Mißtrauen, das die religiösen Führer der palästinensischen Massen dem europäischen Schulwesen entgegenbringen, blieb der eigentliche Kern der Bevölkerung, der jene Schulen nicht besuchen will, von dieser ganzen Bildungsarbeit fast. völlig unberührt, und es ergiebt sich hieraus die gar nicht hoch genug einzuschätzende Gefahr, daß sich allmählich ein immer tieferer Gegensatz zwischen den ganz einseitig erzogenen und wirtschaftlich ohnniächtigen streng religiösen Kreisen und der in Schulen vorgebildetcn, oft verbildeten dünnen Oberschicht entwickelt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.