Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1909
- Issue
- 8 (12.1909)
- Date
- 1909-12-01
- Page
- Seite 141 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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141 gteiter, der sie nicht ohne tief zu erröten, sanft drückte. „Ja, Herr Callmann ist es," fuhr sie sich zu ihren Eltern wendend, fort, „Herr Callmann ist es, der mich gerettet, ohne ihn, was wäre ans mir geworden?" „Was ist dir denn zugekommen, liebes Kind," frug Herr Pollack, indem er die eine Hand über das Antlitz seiner Tochter gleiten ließ und -ie andere ihrem Begleiter reichte, „was ist denn Schreckliches pasiirt? „Herr Callmann erzählen Sie," wandte er sich an diesen, der bis jetzt das Stillschweigen noch nicht gebrochen hatte, sondern, unverwandten Blickes auf feinen Schützling stumm da saß. „Nein, ich will erzählen," unterbrach das Mädchen ihren Vater „Als ich heute Abend mit meiner Arbeit bei Madame Cohn fertig war und nach Hause gehen wollte, werde ich an der Ecke des Marktes von einem Manne angeredet. Ohne zu antworten, suchte ich davonzueilen, er aber folgt mir in die kleine Straße und führt mich am Arme. „Komm mit mir mein Kind, sagte er, es ist hier zu kalt für dich. Ich will dich in ein schönes, warmes Zimmer bringen." Ich reiße mich los und laufe, so rasch, ich kann, um ihm zu entfliehen, er eilt aber hinterher. Ich hatte schon einen bedeutenden Vorsprung, da aber gleite ich auf dem glatten Pflaster aus. Im nächsten Augenblicke ist er bei mir. „So haben wir nicht gewettet, lacht er. Sieh, jetzt habe ich dich doch, Schätzchen und du mußt doch, wie ich will." Der Angstschweiß trat mir vor die Stirn. Ich raffte mich auf uud rufe um Hilfe. Er hält mich aber fest und kein Mensch ist in der Nähe. Da sehe ich Herrn Calmann, der an der oberen Ecke der Straße eben einbiegt. Mit der ganzen Kraft meiner Stimme rufe ich ihn an; er eilt zu mir her. „Lassen Sie das Fräulein in Ruhe," ruft er meinem Verfolger zu und gibt mir seinen Arm, um mich fortzuführen. Der Mann macht erst Miene, ihn mit Gewalt daran zu hindern. Als er aber sieht, daß Herr Callmann nicht gesonnen ist, so leichten Kaufs das Feld zu räumen, besinnt er sich eines Anderen. „Herr Callmann, heißt dein Ritter?" sagte er höhnisch, „uni ein Jndenmädchen habe ich keine Lust, ein Abenteuer zu bestehen", und mit diesen Worten kehrt er uns den Rücken. Herr Callmann will ihm nach; ich halte ihn aber zurück, weil ich Gott dankte, daß er mir soweit geholfen und so bringt mich denn Herr Callmann glücklich nach Hause." Auf's tiefste erregt, umarmten die Eltern ihre Tochter und ergosse'n sich in Dankesworten gegen ihren Retter. Jndeffen waren die Kartoffel im Ofen gar geworden. Der junge Nachwuchs der Pollack'schen Familie erlaubte sich darauf aufmerksam zu machen. Herr Gans empfahl sich unter herzlichen Glückwünschen, die Übrigen aber setzten sich znm Abendbrode. Freudestrahlenden Blickes ruhte das Auge des Vaters ans der glücklich geretteten Tochter, während die Mutter sich eine Träne abwischte und Sarchen den kleinsten Geschwistern die Kartoffeln schälte.