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Jüdischer Volksbote · 1909-12-01 · 8 (12.1909) · p. Seite 140

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1909
Issue
8 (12.1909)
Date
1909-12-01
Page
Seite 140 (sequence 16)
Language
German
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140 Woche mit mir bei der Berteilung und hat Kartoffeln und Erbsen für eine ganze Woche bekommen? Gehungert hat diesen Winter noch kein Judenkind in der Kille. Der liebe Gott wird schon weiter helfen." „Ja, das ist wahr", stimmte Schmnl bei. „Der Jude hat es doch immer noch besser. Da wohnt mit mir im Hause ein Arbeiter, der lange Christoph, deffen Kind ist gestern gestorben. Zwei Stunden zuvor war der Arzt erst zum ersten Male da und sagte, dem Kind fehlt weiter nichts , als kräftige Nahrung und gnte Pflege. Wo sollte Christoph aber die jetzt herschaffen? Er ist nicht zu Hause, die Frau ist beinahe auch immer außer dem Hause, um etwas mit zu verdienen; — so ist das Kind also buchstäblich verkommen. „Nein, so etwas kann bei uns doch nicht Vorkommen," entgegnete Awrom, während seine Frau, von dem Erzählten ergriffen, sich besorgt unwillkürlich nach ihren Kindern umsah; — „die Juden sind wirklich Bne Rachmonim und sorgen für die Armen. Als ich vorige Woche zufällig bei Jakob Meyer in's Comptoir kam, war der Eisenhändler Fischer, welcher städtischer Armenvorfteher ist, bei Herrn Meyer und machte ihm Vorwürfe darüber, daß die Juden zuviel für ihre Arme täten. Man leiste dadurch nur dem Müffiggange Vorschub, sagte er; die Juden sollten dafür sorgen, daß auch die Frauen mit für den Verdienst sorgten; in der ganzen Stadt ginge keine einzige Judenfrau zum Scheuern und Waschen aus. Was meint Ihr, was ihm Herr Meyer erwiderte? Sehen Sie, Herr Fischer, sagte er, das ist gerade das Glück bei uns Juden, daß die Frauen sich nicht als Scheuer- und Waschfrauen in unserer Gemeinde vermieten, daß sie zu Hause, bei ihren Kindern bleiben. Das ist eben der Grund, weshalb in unserer großen Gemeinde sich keine jüdischen Spitzbuben und jüdischen Trunken-- bolde vorfinden. Das ist unser Glück und Stolz. — Ich hörte dieses ganze Gespräch mit an; Fischer konnte kein Wort erwidern. Mit sichtlichem Jntereffe hatten die beiden Anderen dieser Erzählung zugehört, namentlich Frau Pollack, die ihre Arbeit hat ruhen lasten, um ihre ganze, ungeteilte Aufmerksamkeit dem Lobe der jüdischen Mutter, das doch ihr auch mitgalt, widmen zu können. Sie wollte soeben das Wort nehmen, als sich die Tür öffnete und ein junges Mädchen in Begleitung eines jungen Mannes eintrat. „Um Gotteswillen, Sarchenleb, wie siehst Du aus! Was ist Dir passirt?" rief sie mit dem Ausdrucke des höchsten Entsetzens, als sie das junge Mädchen erblickte. Sarchen aber war unfähig, ein Wort zu erwidern. Bleich und an allen Gliedern zitternd, vermochte sie sich nicht aufrecht zu erhalten und sank einer Ohnmacht nahe auf einen Stuhl nieder. Mit der zärtlichsten, tätigsten Geschäftigkeit, die nur eine Mutter entfalten kann, war Riwke um ihr geliebtes Kind bemüht und wurde dabei auf's Kräftigste von ihrem Manne unterstützt. Dank dieser Anstrengung erholte sich Sarchen bald wieder. Ihre ersten Worte waren: „Herr Callmann, wie soll ich Ihnen danken?" Sie reichte ihre Hand ihrem Be-

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