Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1909
- Issue
- 8 (12.1909)
- Date
- 1909-12-01
- Page
- Seite 135 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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135 irgend welchen Gründen das allgemeine Examen nicht machen wollen oder können, bietet sich Gelegenheit, als Religionslehrerin segensreich zn wirken. Es wäre dann besonders an solche Mädchen zu denken, die im Ellernhause bleiben können, also nicht absolut auf hohen Verdienst sehen müssen. Wenn durch Erziehung und Neigung die Grundvoraussetzungen gegeben sind — eine höhere Schulbildung wird natürlich ebenfalls verlangt — so kann die Vorbereitung zu einem Examen als Religionslehrerin privatim erfolgen, etwa unter Zugrundelegung der „Prüfungsordnung für Religionslehrer, und Lehrerinnen", die die „Vereinigung jüdischer Religionslehrer, Berlin" festgelegt hat *). Der Rabbiner oder Lehrer jeder Gemeinde wird sicher gern bereit sein, dem jungen Mädchen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen- Eine längere Entfernung vom Elternhause fällt also meist fort, die Kosten sind gering; das Studium kann ohne Uebercilung, daher ohne Überanstrengung betrieben werden, es führt zur Vertiefung des Verständnisses für unsere Religion und für Israels Aufgaben. — Znm Examen wird eine Reise in eine große Stadt nötig sein, um nicht nur von einem einzelnen Rabbiner, sondern möglichst von einer Kommission geprüft zn werden.und das Zeugnis zu erhalten. Die heimatliche Gemeinde wird die Tätigkeit einer geprüften Religionslehrerin in ihrer Religionsschnle wohl an so manchen Orten freudig begrüßen. Die Arbeitslast, freilich auch die Bezahlung dürften meist geringer sein, als die einer vollbeschäftigten Volksschullehrerin. Vielleicht kann es dieses oder jenes Mädchen völlig CSV crS tun. Sollte sie später einmal, auf eigenen Füßen stehen müssen, hat sie doch immer den Rückhalt an ihrem" Examen und der bereits im Unterricht gesammelten Erfahrung. Welche Dienste könnten so die jungen Mädchen erade in kleineren und kleinsten Orten dem Judentum leisten, wenn sie mit Umsicht und Energie, getragen von frischer Begeisterung, für unsere heiligen Güter, als Religionslehrerin arbeiteten! Vielleicht klingt das manchem Ohre zunächst ungewohnt; aber wenn der Segen neuer Kräfte sichtbar wird, wandelt sich das Außergewöhnliche schnell zum Selbstverständlichen um. Und in Kampfeszeiten wie der unsrigen sollte alles mobil gemacht werden; eine Reihe ernster, sich ihrer Aufgaben voll bewußter Mädchen auf derartigen Posten wäre sicherlich nicht die schlechteste Hilfstruppe. Jüdische Väter! Ihr könnt viel zur Bildung solcher Hilfstruppen *) Diesbezügliche Anfragen sind an Herrn Dr. M. Hildesheimer, Berlin N. 24, Linienstr. 111 zn richten. Auch vor der an der Höheren Mädchenschule der^ Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt a M, mit ministerieller Genehmigung bcstchendcn Prüfungskommission für Religionslehrerinnen können gcsevestrene jüdische Lehrerinnen ihr Examen in den religiösen Disciplinen oblegen, doch werden hier nur solche Examinandinnen zugelassen, die bereits die allgemeine Lehrfähigkeit erworben haben. ") Anmerkung der Redaktion. Der Gedanke, junge Mädchen als ReligionSlehrerinen an kleineren und kleinsten Orten zu beschäftigen, scheint uns manches gegen sich zu haben; immerhin ist die Anregung durchaus der Diskussion wert. —