Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1909
- Issue
- 8 (12.1909)
- Date
- 1909-12-01
- Page
- Seite 134 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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134 Es ist selbstverständlich, daß der Beruf der Lehrerin einen gesunden und widerstandsfähigen Körper verlangt. Doch täuschen sich oft junge Mädchen, denen das Lernen eine Freude ist, gern über eine zarte körperliche Veranlagung hinweg. Über die geistige Befähigung wird sich im Alter der Berufswahl schon ein Urteil fällen lasten; doch sollten dabei die Verschiedenheiten in den Ansprüchen der Schulen nicht außer Acht gelassen werden. Es geschieht öfter, daß Kinder den Anforderungen einer privaten oder städtischen Schule eines kleineren Ortes mühelos genügen, während sie nachher in einer anderen Schule oder im Seminar nur mit größter Anstrengung mitkommen, vielleicht auf Kosten ihres Frohsinns oder gar der Gesundheit. Nur, wer körperlich und geistig gleich kräftig ist, sollte daran denken, Lehrerin zu werden. Die Lehrerin, die an einer Schule Anstellung findet, hat gewöhnlich in der Woche 22—26 Stunden zu geben. Doch ist damit ihre Arbeit nicht erledigt: Korrekturen und Vorbereitungen für den nächsten Tag erfordern — besonders in ten ersten Jahren — viel Zeit. Auch ist eine Weiterbildung in irgend einer Richtung fast unabweisbar. Dem Berufe fernstehende Leute meinen oft, daß der Lehrer ja nur den halben Tag zu arbeiten, also besondere Ferien wohl garnicht so nötig habe. Diese Bemerkung ist falsch; denn ihre Voraussetzung ist irrig, wie eine Addition der Schulstunden am Vormittag und der Arbeitsstunden am Nachmittag deutlich zeigt. Von den materiellen Aussichten einer Stellung an einer öffentlichen Schule zn sprechen, erübrigt sich an dieser Stelle. Denn, wenn es schon für die Jüdin überhaupt außerordentlich schwer ist, an einer solchen Stelle feste Anstellung zu erlangen, so ist es für die gesetzestreue Jüdin fast eine Unmöglichkeit, dieses Ziel zu erreichen; die Gründe dafür liegen auf der Hand. Leichter ist es für sie, an einer Privatschule anzukommen; doch bedarf es auch hier besonders glücklicher Umstände. Aber die im allgemeinen geringere Bezahlung an Privatschulen zwingt meist — sofern man völlig auf eigenen Verdienst angewiesen ist — noch zur Übernahme von Privatstunden. Das führt leicht zur Überanstrengung, zum Zusammenbruch der Kräfte. Es wäre denkbar, sich ganz auf Privatftunden zu beschränken, vorausgesetzt, daß man in einer großen Stadt lebt und über einen großen Bekanntenkreis und gute Empfehlungen verfügt. Unter Umständen kann dann der Verdienst größer und leichter sein, als an einer Schule. Noch zwei Möglichkeiten bieten sich der gesetzestreuen jüdischen Lehrerin, und zwar die Anstellung an einer jüdischen Schule, deren Zahl aber leider sehr gering ist, und die Stellung als Erzieherin in wohltätigen Anstalten oder vornehmen Privathäusern. Natürlich sind derartige Positionen auch nicht allzu reichlich gesät, aber wem es gleich ist, ob sie nach England oder Frankreich oder in ein anderes fremdes Land kommt, dürfte nicht verg eblich suchen. Ein besonderer Zweig des Berufes soll hier nicht unerwähnt bleiben. Für Mädchen, die große Lust zum Lehrerinnenberufe verspüren, aber aus