Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1909
- Issue
- 8 (12.1909)
- Date
- 1909-12-01
- Page
- Seite 128 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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128 Das Volk lag im Staube vor dem syrischen Eroberer. Juden selbst, abtrünnige Juden, die fremde Sitten und fremden Kultus in Israel einführen' wollten, hatten dem Feinde den Weg gebahnt ins Heiligtum, hatten die Unterdrückung und Verfolgung der Glaubenstreuen gefördert. Und vor dem Schrecken, den die syrische Gewaltherrschaft verbreitete, wagten auch diejenigen, die den Götzendienst verabscheuten, nicht das Haupt zu erheben. Nur eine Priesterfamilie, Matisjahu und seine Söhne, traten den Tyrannen entgegen, sammelten die Glaubenstreuen um sich und mit ihrer geringen Schar besiegten sie die gewaltigen Kriegsheere des Feindes. Nicht äußere Macht, nicht kriegerische Tüchtigkeit führte sie zum Erfolg, sondern die Begeisterung für Gott, das Vertrauen auf seinen Beistand. „Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr der Heerscharen!" — das ist die Lehre, die uns Chanukka gibt. Und was zeigt uns der zehnte Teweth? Die babylonische Weltmacht hatte bereits über das Land Israels ihr Netz geworfen. Der König Zidkija hatte sich gegen den König Nebukadnezar empört, aber schon nahten die Heeressäulen der Chaldäer, um der Herrschaft des Judäerkönigs ein Ende zu machen. Und dennoch hätte Israel nicht unterliegen müssen. Hundertunddreißig Jahre vorher hatte Jerusalem ebenfalls in Gefahr geschwebt. Damals waren es die Assyrer, die über den ganzen Orient die Herrschaft ausgedehnt hatten und die nun mit gewaltiger Heeresmacht heranzogen, um die Gottesstadt dem Erdboden gleichzumachen. Aber damals herrschte ein Hiskia, der überall den Götzendienst ausgerottet hatte, zu dessen Zeiten es nach dem Wort unserer Weisen im ganzen Lande weder einen Mann noch ein Weib, weder einen Erwachsenen noch ein Kind gab, die nicht in allen Vorschriften der Thora bewandert gewesen wären. Und da erfüllte sich, was Jesaia geweissagt hatte, daß Gott seine Stadt nicht den Feinden preisgeben werde: vor den Thoren Jerusalems brach die assyrische Macht zusammen, und von dem gewaltigen Heere Lehrten nur llägliche Überreste in die Heimat zurück. — Jetzt, zu Zidkias Zeit, hatte sich die Sachlage geändert. Das Volk war wieder entartet, Rechtsbeugung, Unterdrückung der Armen waren alltägliche Erscheinungen, und der Götzendienst stand wieder in Blüte. Und der Mann, der unermüdlich warnte und mahnte, der Prophet Jirmia, wurde verspottet und verhöhnt und entging nur mit knapper Not dem Tode. Da erfüllte sich denn Jeusalems Schich'al, und der 10. Teweth leitete das Drama ein, das mit der Katastrophe des 9. Av seinen Abschluß fand. Zur Zeit des Propheten Secharja, als man den zweiten Tempel erbaut hatte, da fragte man den Propheten, ob man auch jetzt noch den Fasttag des 5. Monats, den 9. Av zu halten habe.