Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1909
- Issue
- 7 (10.1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- Seite 123 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Kommis, Handlungsgehilfen und Reisenden oft die freie Zeit der Winterabende verbringen, wie viele der guten Keime,. welche das Elternhaus gelegt, durch lockere Gesellschaft, schlüpfrige Lektüre, Spielwnt und sonstige Paffionen erstickt werden. Nur wer höheren Genuß nicht kennt, verfällt auf gemeineren, niedrigeren. Es fehlt den jungen Leuten die Gelegenheit, nach des Tages anstrengender Arbeit einige Stunden edler, erhebender und erholender Geselligkeit zu verbringen. Der Mangel bedeutet eine direkte Gefahr für das Judentuni, das seine Zukunft in der Jugend besitzt. Dem sollte man gerade im Wintersemester einen aufmerksamen Blick zuwenden. Nehmen wir uns doch ein Beispiel an den andersgläubigen Mitbürger; dort blühen allenthalben Männer-, Jünglings- und Jungfrauenvereine, die positive Arbeit leisten. Warum soll das bei uns nicht möglich sein? Warum überläßt man bei uns die Jugend sich selber? Nicht Lese- und Literatürvereine können ersetzen, was hier Not tut: Fortbildungskurse im Hebräischen, deren Grundzug das Gemütvolle und Gesellschaftliche bilden muß. In diesem Sinne müßten sie geleitet werden, positive Kenntnisse vermitteln in anziehender Form, ohne in das Fahrwasser der Literaturvereine zu gleiten. Denken wir an erzählende Darstellung der Patriarchengeschichte, welche während des ganzen Winters zur Verlesung gelangt, und wie interessant diese Periode im Lichte der Tradition erscheint. Denken wir an die sechs Bände der Mischna, deren Inhalt uns den Schlüssel zur Thora reicht. Stellen wir uns vor, welche Gedankenfülle die Erklärung auch nur einer rwo dem Laien bringen muß, wie interessant sich Frage und Antwort gestalten wird, da ja hier ein Gebiet stets in's andere greift. Wie ganz anders muß dem so Belehrten Wesen und Inhalt des Judentums erscheinen. Wie müßte die bessere Kenntnis das leichtfertige Urteil und den wohlfeilen Spott verschwinden machen! Freilich muß die Vortrags¬ und Behandlungsweise interessant, anregend, bildend und unterhaltend zugleich sein! Unsere heilige Thora besitzt an sich in seltenem Zusammentreffen alle diese Eigenschaften; der Lehrstoff ist vorhanden, die Meister fehlen nur. Das Wintersemester mit den Hunderten freier Stunden, die uns um des Lichts gesellige Flamme vereinigen, ruft in uns Erwägungen obiger Art wach. Der Mond ist nur zum .Lernen" geschaffen, meint der Talmud. Das sollte man doch für die Winterabende wenigstens beherzigen! — Wir nannten als zweiten treuen Begleiter durck's Wintersemester den Sabbat. Er konimt für uns gerade nach den Feiertagen in Betracht, da er die einzelnen Brückenpfeiler bildet, über die wir zum nov-Feste schreiten. Die v" des Tischrimonats sind mit denen des Frühlings durch den wöchentlichen mr verbunden. Midrasch, Agada, Poesie haben ihn verklärt, einen Kranz frommer Sagen hak die Tradition um ihn gewoben. Des Künstlers Pinsel hat nach solchem Borwurf gearbeitet, kein Familienroman jüdischen Genres ohne die Erwähnung des Sabbat. Welchen Zauber atmet das Oppenheim'sche Bild des Freilag Abend! Es ist Winter. Im Frieden des Sabbatlichtes erstrahlt die Stube, erstrahlen die Gesichter glücklicher Menschenkinder. Wir erblicken den im heiligen Ernste dreinschauenden Vater, bereit mit den Kleinen „in Schul" zu gehen; wir