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Jüdischer Volksbote · 1909-10-01 · 7 (10.1909) · p. Seite 122

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1909
Issue
7 (10.1909)
Date
1909-10-01
Page
Seite 122 (sequence 20)
Language
German
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122 anders wirkt bei uns Juden ror und min auf das Gemütsleben ein! Man bedarf keiner künstlichen Reizmittel, wenn der Lebensbalsam ununterbrochen wirkt. Welcher Genuß geht doch denen ab, die weder dem Thorastndium sich widmen, noch den göttlich geheiligten 712V beachten, recht beachten und recht begehen! Dem Am-Haarez bringt der Sommersabbat oft Langweile, er weiß die Stunden nicht totzuschlagen, wie man zu sagen pstegt. Der winterliche 22V erscheint ihm vollends öde, man kan» sich nicht einmal im Freien ergehen. Wie ganz anders derjenige, der so glücklich ist, lernen zu könne»; mit welcher Freude sieht er dem 712V entgegen, um ungestört durch den weltlichen Beruf die' wöchentliche 71220, vielleicht niit verschiedenen Kommentaren zu lesen, etwa auch in 27VV oder Talmud zu forschen. Tausende unserer Brüder wissen nicht, daß beim „Lernen" nicht so sehr der Kovf, sondern gerade das Herz, das Gemüt arbeitet und arbeiten soll. Unzählige Mal wird uns gesagt, daß die Thoraworte „auf dem Herzen" sein sollen. So kommt es, daß beim Juden Gebet und Lernen so innig miteinander verwachsen sind, daß man eigentlich eine Grenzlinie feststellen müßte: 2inS 210S je? 212*7 ,2*7271 JCT. Viele Stücke lehrhaften Inhalts, wie jeipa inrtt xvV n. a. m. „ort* man, eben weil beim „Lernen" in altglänbischfrommen Sinne uns das gleiche beglückende Gefühl beherrscht, wie beim Beten. Die Männer der kalten Bibelkritik kennen das warmfühlige Wort nicht: '121 '222 72« tu 223721 „Laß doch süß sein der Thora Worte in unserem Munde." Wer 71212 „lernt", dem wird die Macht des Gemüts kund, das seinerseits wieder auf den Geist erleuchtend wirkt. Darin liegt das Unterhaltende, das Ergötzende, das Beglückende von 2212 212*7. Wenn die langen Winterabende herbeikommen, so gibt es wahrlich kein idealeres, schöneres, nützlicheres, gottgefälligeres Mittel als Lernen. In seinem Wesen liegt zugleich das Gesellige, das freudige Znsammenstreben vieler, c'222 pi22 nennen's die Weisen.' Zwar treten im Wintersemester allenthalben die Litteraturvereine wieder in Wirksamkeit. Doch nie und nimmer können sie in Form den alten Limud ersetzen. Dem in unserer Zeit durch den Antisemitismus nenerwachten jüdischen Selbstbewußtsein zum größten Teil den Anstoß verdankend, gehen die Litteraturvereine in ihrer Hauptwirksamkeit auf eine Belebung und Hebung des jüdischen Gefühls hinaus, treiben mehr Geschichte als Litteratur, können in letztere nicht eigentlich einführen, da nur ein „Hören" freigewählter Themata stattfindet, ohne Plan und inneren Zusamenhang, ohne Vor- und Nachstudien der Hörer. Ihre eigentliche Frucht müßte die ernste Arbeit des 21«*7 sein, bei dem direkt auch die religiöse Praxis gewinnt. Während des langen Winterhalbjahres sollten Rabbiner wie Lehrer, kleinere und größere jüdische Organisationen dahin bestrebt sein, Fortbildungskurse im Hebräischen zu errichten. Dieselben müßten vor allem methodisch geleitet werden, unter Anwendung von Personen-, Sach- und Lokalkenntnis. Nicht jeder und alles eignet sich, nicht überall kann das Gleiche geschehen, um Eltern und Schule nicht um die erhoffte Frucht der Erziehung zu bringen. Es ist doch hinlänglich bekannt, wie die jüdischen Lehrlinge,

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