Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Volksbote · 1909-10-01 · 7 (10.1909) · p. Seite 120

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1909
Issue
7 (10.1909)
Date
1909-10-01
Page
Seite 120 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4903180-5965935-5965957--161-4903329
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

120 zugehören möge, seine Hauptwirksamkeit in das Wintersemester zu verlegen. Lehrer und Schüler, Kaufleute und Gewerbetreibende wissen, daß ungestört auf lange Zeit die gewohnte Tätigkeit ihren Lauf nehmen kann, und man bereitet sich darauf vor. Auch wir Juden fühlen dies instinktiv ja umsomehr, als wir soeben die Herbstfesttage beschlossen. Es kommt der Winter, der uns mehr an die stille Häuslichkeit, in das traute Heim weist. Das Judentum ist aber von jeher eine Religion des Hauses gewesen. Israel hat sich stets durch seinen familiären Sinn ausgezeichnet. Wir denken ferner an die langen Winterabende, an denen der uns Menschen innewohnende Gesellschaftstrieb zu seinem Rechte kommen will. Das Vereinsleben erwacht in Stadt und Land, teils ernsten idealen Zwecken dienend, teils dem Vergnügen und der Unterhaltung gewidmet. Hier wie dort stellen unsere Brüder und Schwestern ein nicht zu ff unterschätzendes Kontigent Unsere Zeit hat dafür gesorgt, daß auch der Winter kein so ungastlicher Geselle ist, als den man ihn früher verschrie. Tatsächlich freuen sich Viele auf des Winters Freuden, Alt und Jung haben schon ihre Pläne ziemlich fest geschmiedet für das kommende Halbjahr. Ob immer in rechter Art, das dürfte fraglich sein. Insbesondere sollen ( w ir als Juden uns die Frage stellen: Was kan;n und könnte uns das Wintersemester bringen, was sollen wir ihm bringen? Noch gesättigt von den Eindrücken der Herbstfeiertage, erfüllt von den herrlichen Gedanken der verlebten d'21b o'C' treten wir ein in des Winters Pforte, die wir nach unabänderlichen Gesetzen alle zu durchschreiten haben. Welche Regungen erfüllen da unser Inneres? Welche Gefühle und Vorsätze werden in uns wach? Suchen wir diese Fragen im Rückblick auf die verbrachten Tischrifestc zu beantworte». Das Snkkothfest, als Zeit der Ernte, als spoiw;n, da dem Menschen die Frucht seines Fleißes in den Schoß fällt, wo man den Segen des Feldes birgt in Scheune und Haus, das Laubhüttenfest ist uns gleichsam ein Denkstein edler Menschlichkeit, eine Mahnung zur Herzgüte und Milde. Wenn wir (5. B. M. 16, 14) „die Lese halten für die Tenne und die Kelter, dann soll sich mit uns auch Knecht und Magd, *■ der Levite, der Fremdling, die Waise und Witwe freuen". O, nicht jeder kann den kalten, stürmischen Tagen des Winters mit froher Zuversicht entgegensehen. In gar manchen Hütten wohnt Sorge und Kummer, bei gar vielen fehlt Brot, um den Hunger zu stillen, an Kleidung und Holz zum Erwärmen. Der Winter ist vor der Türe, und allem Anscheine nach wcrden von Osten her Hilferufe erschallen, größere Ansprüche wird man stellen an unser mildes Herz, an unfern Wohltätigkeitssinn. Wohlan denn, ihr vom Glück Begünstigten, geht mit gutem Beispiele voran; "pn Ci by "iDyn «S bleibet nicht stille stehen bei dem Blute des Nächsten, bleibet nicht taub gegen den Notschrei der Unglücklichen, ihr, die ihr im Frieden ruhig und sicher lebet! Das Sukkothfest lehrte Euch den Schutz der wirtschaftlich Schwachen, lehrte Euch den socialen?lnsgleicb; setzet dies in die Tat um! Du Reicher, sei nicht stolz auf dein festes Haus, es hat sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.