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Jüdischer Volksbote · 1909-10-01 · 7 (10.1909) · p. Seite 114

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1909
Issue
7 (10.1909)
Date
1909-10-01
Page
Seite 114 (sequence 12)
Language
German
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114 bemerken, daß das fromme Judentum so kräftig und zahlreich verbreitet ist. wie sich alle Badegäste reich und arm, geputzt und newich ärmlich gekleidet, bei den gemeinschaftlichen Gottesdiensten znsammenfanden und einträchtig beteten, sei es in deutscher oder polnischer oder sephardischer Aussprache. Alle beugten sich vor der Thora und küßten sie, mochten sie „borchu hamvorach" oder „borchii Ham voirüch" oder „barechu et hamvaroch" sprechen. Sie waren alle „ein einig Volk von Brüdern". Wie rege das Bedürfnis nach den religiösen Einrichtungen ist, magst Du daran erkennen, daß ein Restaurateur an einem dieser Bäder eine hochelegante „Mikwe" eingerichtet hat, wie sie schöner und comfortabler in keiner Großgemeinde Deutschlands existiert. — In einem der Badeorte traf ich in der Brunneuhalle ein junges Mädchen, welches auf seine Mutter, die Sprudel trank, wartete. Ich bemerkte in ihrer Hand ein Heftchen der bekannten Reclam-Biblioihek. Neu- oder wißbegierig, wie ich bin, sagte ich: „Zeigen Sie mir doch, was Sie da lesen." Das Fräulein wurde etwas verlegen, reichte mir aber doch das Büchlein. Es waren „Luthers Tischreden". „Ja, wissen Sie, manmuß aber doch auch diese Dinge lesen", bemerkte sie wie zu ihrer Verteidigung Nun, ich hatte im Augenblick nichts dagegen zu erinuern, da die . Dame das Gespräch des großen Reformators über „die Vorzüglichkeit der ( Bibel" aufgeschlagen hatte. Ich sagte ihr: Nun da Sie aus so gut christlichem Munde über die Vorzüglichkeit und unerreichbare Größe, Bedeutung und Wichtigkeit.der Bibel für die gesamte Menschheit belehrt werden, so werden Sie gewiß die Bibel und zwar in einer von Jude» verfaßten Uebersetzung zur Hand nehmen und eifrig darin lesen". Ich fügte noch hinzu: „Das nächste Mal lesen Sie aber jüdische religiöse Schriften, welche mindestens so vorzüglich sind, wie die nichtjüdischen, und geben Sie als jüdisches Mädchen den Schriften und zwar den religiösen Schriften Ihres eigenen Bekenntniffes die Ehre. Es giebt ja für ein jüdisches Mädchen keinen größeren Vorzug und es steht ihr nichts schöner und bester, als wenn sie sich als stolze und selbstbewußte Tochter ihres Volkes, des ältesten aller Kulturvölker zeigt, als Tochter einer Debora, einer . Mirjam und einer Esther, welche ihr Volk geliebt und besten geistiges und WM literarisches Eigentum nicht allein gepflegt und gehegt, sondern auch vermehrt und weiter überliefert haben". Das Fräulein errötete vor Verlegenheit und von Lust erfüllt, eine gute Jüdin zu werden, gab sie mir die Hand und sagte: Ich danke Ihnen, daß Sie mich auf den richtigen Weg gewiesen haben. Gewiß, ich möchte eine gute Jüdin sein und will mich als solche auch mit jüdischer Seelen- und Geistesfrucht erfüllen. Im nächsten Jahre sollen Sie mich mit einem jüdischen Buch in der Hand wieder antreffen, so Gott will". „Amen", sagte ich, „hoffen wir, daß Gott Leben und Gesundheit giebt". j Siehst Du, liebe Nichte, so macht man's. Es bleibt immer etwas hängen. Leb' nun wohl, liebe Ruth, und gut Jomtof. Deine Tante Sara.

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