Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Volksbote · 1909-10-01 · 7 (10.1909) · p. Seite 111

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1909
Issue
7 (10.1909)
Date
1909-10-01
Page
Seite 111 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4903180-5965935-5965957--152-4903320
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

111 überhaupt nicht mehr zu solcher Arbeit bringen sei. Ihr erscheine solche Arbeit vielfach als Schande, und selbst wenn das nicht ausschlaggebend sei, so doch als recht wenig zweckentsprechend verbrauchte wertvolle Zeit, in der man auf andere Weise viel mehr arbeiten könne. Ich habe unter der älteren Generation viel mehr Männer gefunden, die einem Bauern seine» Stolz über ein gut und sorgfältig bestelltes Stück Land »achfühleu könne», als unter der jüngeren. Und gar die, die jetzt zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig alt sind, haben unendlich viel niehr Interesse daran, dei, - „eleganten" Städter in mehr oder (zumeist) minder glücklicher Weise zu imitieren, als daran, wie man dem Boden im Schweiße seines Angesichts das tägliche Brot abringt. Und wie stehts denn nun mit den vermeintlich viel geringeren Schwierigkeiten, die der Bauer im Verhältnis zum ländlichen Kaufmann zu überwinde» ©haben würde, wenn er dem Religionsgesetz nachleben will? Es mäg leicht möglich sei», daß der kleine Landmann in den arbeitsärmeren Zeiten des Jahres seine Verrichtungen auch in fünf wöchentlichen Arbeitstagen beendet; zur Bestellungs- und ganz besonders zur Erntezeit wird cs hingegen schon eine unendlich schwere Versuchung sein, die Früchte der Arbeit eines ganzen . Jahres möglicherweise schwerer Gefahr ansgesetzt zu sehen, ohne die Hände J zil ihrer Erhaltung zu rühren. Man muß bedenken, daß z. B. in regnerischen Jahren für das Einbringen der Ernte oft nur Stunden zur Verfügung stehen, die mit aller Macht genützt werden müssen, wenn nicht existenzvernichtender Schaden entstehen soll. Samstag und Sonntag, zwei zur Arbeit ungenützte Tage hintereinander, oder, wie es sich manchmal auch trifft, drei und vier Tage der Festesruhe, die werden den bäuerlichen Landbewohner m. E. viel, viel leichter in Versuchung führen, dem Rcligionsgesetz der Arbeitsenthaltung zuwiderzuhandeln, als den handeltreibenden ländlichen oder städtischen Juden. Das Wenige, was hier angeführt wurde, mag genügen, um zu begründen, warum ich für die ländliche Jndenheit den ausschließlichen Betrieb der Landwirtschaft, wenigstens insoweit es sich um wenigbemittelte Kreise handelt, die nur durch persönliche Mitarbeit aller Familienglieder ihre ^7 Existenz erhalten können, nicht das Wort reden möchte. Etwas durchaus Anderes wäre es. hingegen, wenn zur Festhaltung der jüdischen Bevölkerung auf dem Lande empfohlen würde, daß möglichst ein jeder jüdische Landbewohner seinen Stolz darein setzen solle, neben seinen sonstigen Berufsgeschäften, ein kleines oder größeres Stück Land oder zum mindesten einen kleinen Garten sein eigen zu nennen, die er ab-r nicht,, (wie das jetzt z u m e i st geschieht) von anderen, nichtjüdischen Ortsangesessenen oder Dienstboten bestellen und pflegen läßt, sondern die ihm selbst und s e i n e r F a m i l i e der Platz sein sollen, wo sie sich im Schweiße ihres Angesichts das Frohgefühl erarbeiten, das aus harter fruchtbringender Arbeit in immer neuem, unvergleichlichem Maße erwächst, und wo das Band geknüpft wird, das den Bauer mit zäher Liebe an seine Scholle fesselt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.