Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1909
- Issue
- 7 (10.1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- Seite 110 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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110 anzupassen wissen (imb darin liegt ja eine Hauptursache für ihre mannigfachen wirtschaftlichen Erfolge) in diametral entgegengesetzte Bahnen zu leiten. — So wie die Dinge heute liegen, bedeutet ein Uebergang von dem Berufe eines kleinen ländlichen Kaufmannes zu dem eines entsprechend kleinen Bauern auch eine ganz bedeutende Herabsetzung in der Lebenshaltung. Und selbst wenn man für spartanisch-einfache Sitten schwärmt, wird man bei denen, die zum letzten Ende wirklich diesen Wechsel mitmachen sollen, doch keine große Vorliebe dafür finden. Mau denke sich zum Beispiel: Das Tagewerk eines kleineren bis mittleren Bauern und seiner Familie beginnt (wenigstens wenn wir von einem fleißige» Vertreter dieses Standes reden wollen, der vorwärts kommen will) des Morgens vor dem ersten Hahnenschrei mit der Stallarbeit, Ausmisten, Melken u. s. w. Und wenn irgend WJ eine Rentabilität dabei herausschauen soll, so muß der kleine Bauer diese und alle andere Arbeit mit seinen Angehörigen zusammen selber besorgen. Zur gleichen Stunde dreht sich aber der bandeltreibende Landbewohner zumeist (ich weiß wohl, daß es nicht immer so ist) noch einmal gemütlich auf die andere Seite. Und während der Bauer in Sommerhitze und Winterkälte draußen seiner Arbeit nachgeht, kann der Kaufmann ruhig in der Stube hinter dem Ladentisch oder seinen Büchern bleiben. Nun weiß ich ja wohl, daß der Beruf vieler ländlicher Inden auch an körperlichen Strapazen nicht arm ist, ist mir doch der jüdische Viehhändler, dem der gemütliche Ladentisch gleichfalls ein fremdes Ding ist, oft genug begegnet, wenn er sich draußen recht herzlich plagen muß, um sein Brot zu verdienen. Aber das materielle Resultat dieses „Ueberfeld-Gehens" des Händlers ist in der Regel doch erheblich höher als bei dem kleinen Landmann, dem das dornenvolle Dasein vieler Wochen oft nicht das einbringt, was dem Händler zuweilen ein einziges gelungenes Geschäft. Und dabei ist das Risiko des Bauern, der Wetterlaunen wegen, auch kein eben geringes. — Mir ist gar nicht wohl dabei zu Mute, wenn ich hier einzelne von den vielen Umständen aufzählen muß, die gegen eine ausschließliche Zuwendung O)) der deutschen ländlichen Judenheit zum Landbau sprechen, denn es ist auch mir klar, daß der derzeitige Stand der ländlichen Jndenfrage' ein ganz beängstigender ist, und auch mir ist der Anblick des fröhlich und frei mit Hellen Augen hinter seinem Pfluge herschreitenden jüdischen Bauern, wie er jetzt driiben im Lande unserer Väter wächst, ein nm vieles erfreulicherer, als der eines mit gebeugtem Rücken einhergehenden, durch die ewige Stnbenluft an seiner Gesundheit beeinträchtigten städtischen oder ländlichen Handlungsbefliflenen, wie man ihn heute leider vielfach vorfindet. Aber man muß doch mit den realen Verhältniffen rechnen. Und da liegt die Sache denn so, daß die heute im besten Mannesalter stehende Generation der ländlichen Juden dem Landwirtschaftsberuf noch mehr abgeneigt ist, als das früher der Fall war. Mir ist es oft begegnet, daß mir ältere Leute auf dem Lande geklagt haben, daß, während sie selbst noch mit vielem Vergnügen ihren Acker selbst pflügen und eggen und säen, die jüngere Generation