Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1909
- Issue
- 7 (10.1909)
- Date
- 1909-10-01
- Page
- Seite 109 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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109 Die Candwirtsefcaft unter den ländlichen Juden Deutschlands. Von einem praktischen Landwirt. Es ist in der letzten Zeit viel darüber gesprochen und geschrieben worden, ob und inwieweit durch eine Förderung der Pflege der Landwirtschaft unter den deutschen Juden den vielerlei Schäden, die die stetig wachsende Landflucht in gesundheitlicher, wirtschaftlicher, religiöser und mancher andere» Hinsicht mit sich bringt, entgegengearbeitet werde» könne. — Man hat darüber verschiedenartige Meinungen gehört, im großen Ganzen sind aber die Stimmen derjenige», die sich von einer Förderung solcher Bestrebungen sehr viel versprachen, die vernehmlicheren, ohne daß allerdings bis heute ein erheblicher Fortschritt in dieser Richtung als Folge dieser Anschauung tatsächlich zu constatieren wäre. Man hat nun über diese Frage, besonders in dem Sinne, wie sie de» Mitgliedern der „Freien Vereinigung" am meisten am Herzen liegt, ob nämlich durch eine Förderung der Landwirtschaft der jüdischen Landbevölkerung die Wahrung ihrer religiösen Grundsätze, die ihr in den herkömmlichen kaufmännischen Berufen in bedrohlich wachsendem Maße erschwert ist, leichter gemacht werden könne, auch meine Meinung, als die eines Angehörige» der praktischen Landwirtschaft, hören wollen. Und wenn ich auch zugestehen muß, daß eben das Mittendarinstehen in einem Berufe es gar nicht immer leicht werden läßt, über diese» Berns ein in gewissem Sinne überblicklichcs Urteil, das mit bisher noch gar nicht existier-nden Zuständen vorausschauend rechnen soll, abzugeben» so will ich doch nicht anstehen, meiner persönlichei. Anschauung über diesen Gegenstand hier in kurzen Worten Ansdruck zu geben, und wenn es nur zu dem Ende wäre, daß auch Andere zu dieser Frage Stellung nähmen. Ich kann im großen Ganzen denjenigen, die als Allheilmittel für die Leiden der deutschen ländlichen Jndenheit die vollkommene „Rückkehr zur Scholle" predigen, nicht recht geben, so eminent die Vorteile auch sind, die allein schon in gesundheitlicher Hinsicht ans einem solchen Vorgehen erwachsen würde». Es ist zwar sehr leicht und auch recht lohnend, ein begeistertes Loblied der Landarbeit anznstimmen (und das Lob käme bei mir von Herzen), aber man darf dariiber doch nicht den. Boden der realen Wirklichkeit verlassen. Wenn man nämlich ein klein wenig volkswirtschaftlich denken gelernt hat, so weiß man, daß im Allgemeine» die Wendung zu Handel und Industrie eine obere Folgcsinfe des Ackerbaues ist, daß also die ganze Wirtschaftscntwicklung von dem primitiveren Berufe des Bauer» zum feiner organisierten des Städters hindrängt. Und es scheint mir bei uns in Deutschland ein Ding der Unmöglichkeit, gerade die Huden, die so außerordentlich schnell sich dem jeweiligen Entwicklungsgang der Volkswirtschaft