Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1909
- Issue
- 6 (8.1909)
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 99 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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90 Aar soll unsere Cocbter werden? (Mit teilweiser Benutzung eines Artikels im »Israelit" vom 28. März 1907.) Die heutige wirtschaftliche Lage und die Steigerung der Lebensansprüche in allen Verhältnissen haben eine frühzeitige Verheiratung unserer Töchter sehr erschwert. Daher kommt es, daß die Frage der Berufswahl, die früher nur für unsere Söhne erörtert wurde, heute auch für unsere Töchter in Betracht kommt. Selbst auf dem Lande, wo man bislang die ischulentlassenen Mädchen bis zu ihrer Verheiratung im Elternhause beschäftigte, hat sich die Ueberzeügung Bahn gebrochen, daß auch die Tochter genau tvie der Sohn zum Kampf ums Dasein vorbereitet werden muß, und daß ihre gut ausgebildete Arbeitskraft ein Kapital darstellt, das Zinsen tragen und oft genug die fehlende Mitgift ersetzen kann. Den sorgenden Eltern und- Erziehern, die ihre Tochter zum Erwerb befähigen wollen, sollen nun hier in kurzen Zügen die Berufe geschildert werden, die sich dem jüdischen Mädchen zur Wahl darbieten, sowie die Aussichten, die sich ihm auf jedemeinzelnen Gebiete eröffnen. In der Hauptsache sind die Berufe, in denen sich unsere Töchter betätigen können, in fünf Kategorien zu teilen:! I. Kaufmännische Berufe: Verkäuferin, Buchhalterin, Stenotypistin:c. II. Der Erziehungsberuf: Lehrerin, Erzieherin, Kindergärtnerin. III. Pflegerinnenberuf: Krankenschwester, Wochenbettwärterin. IV. Gewerbliche Berufe: Schneiderin, Modistin, Wäschenäherin rc. V. Hauswirtschaftlicher Beruf: Köchin, Kochfräulein, Stütze, Haushälterin, rituelle Aufsichtsbeamtin im Hotel. Wohl wären noch verschiedene andere Berufe zu erwähnen, z. B. die Fabrikarbeiterin. Doch kaffen sich aus den Erfahrungen der wenigen Repräsentanten dieser Berufe keine allgemeinen Schlüffe ziehen. Die Fabrikarbeit wird Gottlob von jüdischen Eltern noch sehr gescheut, weil sie schwere moralische und gesundheitliche Gefahren mit sich bringt, und nur durch die äußerste Not gezwungen oder in Anbetracht gänzlicher Unfähigkeit zu eineni anderen Erwerbszweig, werden Eltern ihr Kind der Fabrikarbeit zuführen. In der Tat besteht die größte Zahl der jüdischen Fabrikarbeiterinnen in Deutschland aus Ausländerinnen, -die mangels irgend einer Vorbildung anderweitig nicht ankommen können. Mit Erfolg bemühen sich verschiedene Vereine, die der socialen Fürsorge dienen, auch hier Wandel zu schaffen und den zugereisten Mädchen einen andern Erwerb zu ermöglichen. Wenn wir heute an der Spitze unserer Besprechung den hauswirtchaftlichen Beruf behandeln, so geschieht dies, weil wir in erster Linie die großen Vorteile dieses Berufes für die Tochter vom Lande, der höhere Schulbildung versagt blieb, beleuchten wollen. Der häusliche Beruf verlangt im Verhältnis zu allen anderen Berufsmöglichkeiten die kürzeste und billigste Vorbereitungszeit. Bei einiger Intelligenz und gutem Willen können hier die Töchter stets auf paffendes llnterkommen in guten Familien rechnen, denn hier übersteigt die Nachfrage das Angebot um ein Bedeutendes. In