Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1909
- Issue
- 6 (8.1909)
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 97 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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9nicht so einfach und nicht so herzlich. Nicht so einfach, denn da muß man ein förmliches Berlobungsmahl Herrichten, das viel Geld, Anstrengung, Mühe und Sorgen bereitet und es geht dabei nicht so herzlich zu, wenn man nicht eben ganz nahe Verwandte oder sehr vertraute Freunde zu besitzen das Glück hat. Sie sehen, daß die Feier nur im allerengsten Kreise vor sich geht, während hier die ganze Gemeinde teilnimmt, was ich zn meiner großen Freude feststelle. Sie haben ja auch alle llrsache sich dieser Verlobung zu freuen, da Fräulein Mathilde mit ihrer Güte und Tüchtigkeit Ihrem Kreise erhalten bleibt, ebenso wie deren Bräutigam Ihnen nicht verloren geht, dadurch, daß er irgend einem fremde» Mädchen in die Stadt folgen muß. Und es ist für eine Gemeinde nur von Vorteil, wenn so wackere junge Männer, die für die Zukunft so viel versprechen, in ihr ansässig bleiben. Die beiden Verlobten werden hier auch ein viel gemütlicheres und schöneres Eheleben zu gewärtigen haben, als in der Stadt, wo sie nur auf sich allein angewiesen wären und ihre Eltern, Verwandte und Freunde entbehren müßten.* Dann wandte sich das Gespräch der Frage der Kindererziehung und der Berufswahl für die Söhne zn. Eine Fran fragte Herrn Oppenheimer, was sie denn aus ihrem Sohne machen solle, der, aufgeweckt und begabt, ein recht guter Schüler sei.. Kaufmann wolle sie ihn nicht gerne werden lassen, da sie nicht die Mittel besäßen, ihn während der Lehrzeit zu unterstützen. Ihr Mann könne ihn in sein Geschäft nicht nehmen, da er bereits zwei ältere Söhne in dasselbe eingeführt hätte. Herr- Oppenheimer antwortete: „Wenn der Junge begabt und brav ist, so lassen Sie ihn doch Lehrer werden! Das ist ein sehr schöner und nützlicher Beruf, in dem man viel Gutes leisten kann. Er ist auch verhältnismäßig aussichtsreicher als man gemeinhin glaubt. Die Gehälter der Lehrer sind nicht allein in den größeren Städten, wo gewöhnlich viele Nebeneinkommen noch dazu treten, soudern auch in den kleineren Gemeinden ganz erheblich und man kann sehr gut eine Familie in allen Ehren unterhalten. Ein Lehrer kann freilich mit einem Großkaufmann und Großhändler nicht konkurrieren, er hat aber sein sicheres, sorgenfreies Auskommen, eine sehr geehrte und geachtete Stellung in der Gemeinde, besonders auf dem Lande und in der Kleinstadt, wo er der erste tonangebende Mann ist." Da fragte die besorgte Mutter: „Ja, wird er auch immer eine Stelle finden?" Herr Oppenheimer entgegnete: „Gewiß, es herrscht ja rin so großer Lehrermangel im ganzen Deutschen Reich, daß man auch Nichtdeutsche anstelle» muß. Und überall sind die Deutschen bevorzugt. Ja, selbst im Ausland, in England und Amerika stellt man mit Vorliebe Deutsche an. Mehrere jüdische Organisationen sandte mit hohen Koste» Deutsche Jüdische Lehrer in den Orient, nach Palästina, Rumänien, der Türkei, um dort Schulen einzurichten und zu leiten. Ihrem Sohne wird sich daher eine große Auswahl von Anstellungsmöglichkeitc» eröffnen, sodaß Sie nie in Sorge sein müssen, ob er eine Stelle und sein, wenn auch bescheidenes Auskommen haben wird." „Aber das Studieren wird wohl lange dauern und mit großen Kosten verknüpft sein?" „Lange dauern wird es nicht. Drei Jahre in der Präparandie und drei Jahre im Seminar. Und die