Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1909
- Issue
- 6 (8.1909)
- Date
- 1909-08-01
- Page
- Seite 90 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4903180-5965935-5965955--128-4903297- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
90 die Thora dem Untergange überantwortet. Die Verleugnung der Thora, die unser Neformjudentum bedeutet, das man neuerdings liberales Judentum nennt, ist nichts als eine Konsequenz dieser irrigen Anschauung. Wie kann etwas was so schnell vorgeht wie die Zeit, der Wertmesser der göttlichen Ewigkeit und Unvcränderlichkeit sein, der unsere Thora entstammt? Und dieselben-Leute, die sich in beweglichen Klagen über das rasche Entschwinden der Zeit ergehen, möchten die Thora Gottes dieser Zeit gemäß ändern! Ein ganzes Jahr hindurch mag diese gedankenlose Unbegreiflichkeit die Geister verwirren. Aber wenn mit dem Schluß des Jahres und dem Anfang eines neuen, die Zeit einen neuen Ring ansetzt, schmettert der Schofar diese Lüge nieder. Zeit ist Leben und Leben ist Zeit. Wie könnten wir vor Gott ’nwy bi ira urte, der in sei- M ner mächtigen Vaterhand alle Zeiten hält, in diesen Taget: mit der Bitte um Leben für eine neue Zeitspanne treten, wenn der Geist der Zeiten, wenn der Zeitgeist der Gott wäre, der uns das Gesetz unseres Lebens vorschreibt? Deshalb weckt der Elul mit seinem Schofarruf unser Sühnebedürfnis, das unfern Selichot-Tägen ihre Signatur verleiht und bereitet die Geister und Gemüter für die lichten Gedanken des Rosch- Haschono-Schofer vor, dem alle mit dem Bewußtsein des lichten Gottes-Glückes lauschen, das ihnen aus der Beherzigung dieser Töne erblüht. prSn' -ps i-.rra *n njrnn 'jnv vx,i npx. fl«$kläBflc aus dem jüdischen Jahre. Zu Beginn des Tischri-Monats habe ich im vorigen Jahre in diesen Blättern begonnen, von dem jüdischen Leben aus dem Lande zu erzählen, und der freundliche Leser ist mit mir gewandert von Rausch-Haschonoh Chanucko, von Chamischo Osor zu Purim und von Pesach zu Schwuaus, und so will ich heute, da das jüdische Jahr langsam zpr Neige geht, auch den Reigen dieser Erinnerungen schließen, mit dem Wege vom Schwuausfeste bis zum Schaufor. Der Sommer war da, ans den Feldern und Fluren herrliches Grün, an den Bäumen und Sträuchern keimende Früchte, lange Tage mit farbenprächtigen Sonnenuntergängen und kurze Nächte, die niemals ganz dunkel werden. Also muß es sein, wenn Schwuaus kommt und also war es. Die kleine Schul' zeigte festlichen Schmuck; an den Wänden und den Fenstern standen blühende Gewächse, Maienzweige rankten sich über de» Almemor und am Schrank der Sefer-Tauroh empor, und ein frischer, anmutiger Duft erfiillle den heiligen Raum. —