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Jüdischer Volksbote · 1909-08-01 · 6 (8.1909) · p. Seite 89

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1909
Issue
6 (8.1909)
Date
1909-08-01
Page
Seite 89 (sequence 5)
Language
German
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89 Damals hatten wir sie abgelegt. Alles Gute schien uns so leicht, alles Schlechte empfanden wir in seiner ganzen Häßlichkeit. Aber der Wellenschlag der Zeit in der abgelaufenen Jahresspanne hat uns von (Sott und seiner Thora, hat alle in der Neila-Stnnde gefaßten guten Vorsätze für ein neu zu beginnendes Leben fortgeriffcn und uns bestrickt, verlockt, bedroht, der Forderung des Tages, den Ansprüchen einer leichtlebigen Zeit unseren Tribut zu zollen und dem Götzen der Zeit, dem Zeitgeiste unsere Huldigung darzubringen. Da trifft uns der Nus unseres Gottes, den wir verlaffen und der uns treu geblieben ist in aller Entkernung und Entfremdung. Er klingt aus Sphären, die über Zeit und Raum, die über alles erhaben sind, was Menschen sonst als das Höchste gilt. „Vorwärts" drängt die Zeit und „Fortschritt" lautet ihre Losung. Der Ruf des Schofar aber ruft uns „zurück", seine Mahnung gilt der .Rückkehr", der Teschuwo. Wer diesem Ruf sein Ohr nicht verschließt, wer sinnend stille steht, wenn er ihn trifft und ihm gar Folge leistet, der hat sich damit stärker als die ihn umflutende Zeit bewährt. Zurückgckehrt zu unserer Lcbenspflicht, wie sie in unserer Thora niedergelegt ist, wird ein solcher in der Thora den einzigen, untrüglichen Maßstab erblicken, an dem er allen Fortschritt der Zeit und ihre berechtigten und unberechtigten Anforderungen mißt. Es gibt keinen bewährteren Maßstab als sie.uoo naiis mo ]•». Mit diesen, Maßstab in Händen, werden wir den wirklichen Fortschritt und die wahren Errungenschaften jeder Zeit in ihrer ganzen Bedeutsamkeit zu würdigen wiffen. Wir werden uns des Aufschwungs von Wiffenschaft und Kunst, von Industrie und Verkehr, wir werden uns mit ganzem Herzen aller Vorzüge freuen, die unsere Gegenwart von der Vergangenheit in so herzerhebender Weise auszeichnet.' Aber diese Freude mit den Errungenschaften der Zeit, wird uns nicht bestimmen, alle Anforderungen der Zeit unbesehen hinzunehmen und uns ihnen zu fügen. Sie hat viele Jrrtümer berichtigt, hat zahlreiche Vorurteile beseitigt, hat auf den mannigfachen Gebieten unsere Kenntniffe bereichert, aber wenn sie noch ungleich mehr vollbracht hätte, als sie tatsächlich geleistet hat, so bliebe es doch ein anmaßender Dünkel das Gesetz unseres Gottes, die Pflicht unseres Lebens, die Gesetze der Sittlichkeit, der Reinheit und Keuschheit und alle die Pflichten, die Gott mit unserem gangen Dasein verwoben hat, unter die überwundenen Vorurteile zu werfen und uns von ihrer gewiffenhasten Befolgung zu dispensiren. Das bloße Unterfangen, das Göttliche, Ewige, Unveränderliche nach der jedesmaligen Geschmacksrichtung der Zeit umzumodeln oder wie man gewöhnlich sagt, zeitgemäß zu gestalten, ist eine Verkennung nnd völlige Aufhebung der Thora, mwn /in tbo n» nn /rin1? n\-iy yaipn *?a. Wer die Zeit als das Absolute, Feststehende und die Thora als das von ihr Bedingt^, Abhängige ansieht, hat mit dieser bloßen Anschauung

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